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philosophieren über ihre Leidenschaft, den Tango. 

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mit deutschen Wurzeln erzählt wie es sich anfühlt zwischen den Kulturen zu leben.

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betreibt eine Bio-Kakaofarm und erzählt wie sie den Atlantischen Regenwald auf diese Weise schützt.

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emigrierte von der Ukraine nach Kanada.  Sie gibt uns einen Einblick in ihr jetziges Leben und erzählt über ukrainische Traditionen. 

Die Vielfalt der Menschen entdecken - eine Momentaufnahme mit Ruth

und Alberto  

 

Februar 2021

Ruth (85) und Alberto (82) leben gemeinsam im Erdgeschoss einer Altbauwohnung mit einem kleinen Vorgarten in Buenos Aires.

Ruth hat bis zur Pensionierung als Architektin gearbeitet und Alberto war Schneider.

Gemeinsam haben sie zwei wunderbare Mädchen großgezogen und sind mittlerweile stolze Großeltern von einem Enkel und einer Enkelin.

 

Beide sind in Buenos Aires geboren und groß geworden. „Die Stadt der guten Luft“ prägte ihr ganzes Leben. Die Jugendjahre verbrachte Ruth gerne in den Museen von Buenos Aires und Alberto liebte es bei Pferderennen zuzuschauen.

Kennengelernt haben sich Ruth und Alberto am 2. Juli 1967. Nach zwei Jahren haben sie an einem wunderschönen Frühlingstag im Oktober im kleinen Kreis geheiratet. Ruth erinnert sich, dass sie eine halbe Stunde zu spät kam. Alberto fing bereits an sich Sorgen zu machen.

 

Was macht den Reiz Buenos Aires eurer Meinung nach aus?

Ruth: Ich liebe Spaziergänge in den Parks von Palermo, einem Stadtteil von Buenos Aires.

Vor Corona gingen wir abends gerne in eine Tango Peña oder eine Milonga.

Bei einer Tango Peña treffen wir uns in einem Lokal, singen zu zweit Tango Lieder und hören anderen bei ihren Tango Liedern zu.

Milongas sind Tanzlokale, in denen Tango getanzt wird, und sind weit verbreitet in Buenos Aires. Um das Flair einer Milonga kennenzulernen, tauchen Sie hier ein. 

 

Was fasziniert euch am Tango?

Ruth: Ich tanze Tango, seitdem ich 20 Jahre alt bin. Am liebsten höre ich Tango und Bolero. 

Tango ist wie eine Seelenverwandte für mich. Seit meiner Kindheit tönt diese wundervolle Musik aus meinem Radio. Ich liebe und bewundere die Texte und möchte gerne ihre tiefere Bedeutung verstehen. Gemeinsam singen wir Tango seit unserer Pensionierung vor über 20 Jahren.

Alberto: Tango ist ein Teil von mir, ein Kumpel. Ich bin sehr vertraut mit den Liedern, die wir gemeinsam singen.

 

Wie sieht Nachhaltigkeit in Buenos Aires aus?

Wir trennen Papier und geben Müll, der recyclebar ist, in einen separaten Container.

Auf Bio-Produkte in Supermärkten haben wir noch nie geachtet. Umso erstaunter waren wir, als wir erfuhren, dass Bio-Äpfel aus Argentinien in Österreichs Supermärkten angeboten werden.

Nachhaltigkeit im Tourismus? Das hören wir zum ersten Mal, wir haben uns noch nie mit diesem Thema auseinandergesetzt.

 

Wo habt Ihr als Kind Urlaub gemacht und wo macht ihr jetzt Urlaub?

Ruth: Wir fuhren nach Cordoba, zum Strand von Mar del Plata und nach Tigre. Diese Orte haben sich seit meiner Kindheit sehr verändert und sind stark gewachsen.

Alberto: Die Sommer meiner Kindheit habe ich bei Verwandten in einer Kleinstadt in der Provinz Buenos Aires verbracht. Diese Stadt hat sich seit damals nicht wesentlich verändert.

Uns zieht es noch öfters nach Pinamar, einen Ort an der Küste, oder in ein Spa in Entre Rios, einer Provinz nördlich von Buenos Aires. Wir fahren gerne auf Urlaub.

 

Welche kulinarischen Besonderheiten gibt es eurer Meinung nach in Argentinien?

Alberto: Empanadas, Puchero und Asado.

Eine Empanada ist eine gefüllte Teigtasche, Puchero ist ein Gemüse- und Fleischeintopf und als Asado verstehen wir eine landestypische Grillmahlzeit.

Am liebsten isst Ruth Nudeln und Alberto “Albondigas con pure” (Fleischbällchen mit Kartoffelpüree).

 

Wie empfindet Ihr die wirtschaftliche Situation in Argentinien?

Alberto: Schwarz!

Ruth: Katastrophal!

Argentinien befindet sich in der tiefsten mehrjährigen Rezession seit dem Zusammenbruch des Finanzsystems von 2001/02. Die Staatsverschuldung liegt lt. einem WKO Bericht aktuell bei ca. 90 % des BIP.

 
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Die Vielfalt der Menschen entdecken - eine Momentaufnahme mit Anne 

 Februar 2021

 

Anne (45) wurde in der ehemaligen DDR geboren. Seit fast 20 Jahre lebt sie mit ihrer Familie und einem Hund in einem typischen Cape style house in einer amerikanischen Kleinstadt nördlich von Boston in Massachusetts.

Seit Beginn dieses Schuljahres arbeitet sie wieder in einem Kindergarten.

Wie unterscheidet sich das Leben in Deutschland von dem in den U.S.A?

Das Leben in der USA unterscheidet sich meiner Meinung nach in einigen wesentlichen Aspekten von dem Leben was ich in Deutschland kenne. Die soziale Absicherung und die oftmals fehlende Krankenversicherung. Glücklicherweise sind wir bis jetzt noch nie betroffen gewesen. Schon oft ist mir zu Ohren gekommen, dass Menschen nicht zum Arzt gehen, weil eine Versicherung fehlt.

Da die Betreuungskosten im Vergleich zu Deutschland für Kindergarten und Krippe hier sehr hoch sind, haben wir entschieden, dass ich bei den Kindern zu Hause bleibe, bis meine Kinder eine Ganztagesschule besuchen. Meine Kinder wachsen zweisprachig auf.

Bei entsprechender finanzieller Absicherung schätze ich an den U.S.A., dass Menschen jederzeit noch einmal „neu beginnen“ können. In Deutschland habe ich es eher so empfunden, dass Jugendliche nach der Schule zur Uni gehen, einen Abschluss erwerben oder eine Lehre machen. Ich fühlte, dass ich als 20-jährige eine Entscheidung fürs Leben treffen muss. Es erschien mir damals unmöglich als 45-jährige etwas Neues anzufangen, mich neu zu erfinden. Genau diesen Schritt wage ich jetzt.

 

Wie wird Nachhaltigkeit in den U.S.A. gelebt?

Nachhaltigkeit steckt meiner Meinung nach in meiner Region noch in den Kinderschuhen. Verpackte Lebensmittel, werden von „Packern“ extra noch in Plastiktüten eingepackt. Manche Plastiktüte enthält nur einen Gegenstand! Es gibt die Möglichkeit, Stoffbeutel zu kaufen und diese wiederzuverwenden, aber der Großteil bevorzugt die Plastik-Variante. Positiv erwähnen möchte ich, dass es in Massachusetts laut Waste Today Magazine fast 140 Städte gibt, die Plastiktüten ganz verbannt haben, oder wo Menschen für die Tüten bezahlen müssen. 

Über Nachhaltigkeit im Tourismus habe ich persönlich noch nichts gehört.

 

Wie verbringst du deinen Urlaub?

Ich fahre gerne mit meiner Familie in den Urlaub. Vor Covid bin ich in den Sommerferien mit den Kindern jedes Jahr für mehrere Wochen nach Deutschland geflogen. Wir haben die Zeit genutzt, um Familie und Freunde zu besuchen. Mein Mann hat uns in dieser Zeit für zwei Wochen in Deutschland besucht.

Ich freue mich schon auf die Zeit, wenn Reisen wieder möglich sein wird.

Deine Urlaubserinnerungen als Kind?

Als Kind hatten wir nicht viele Möglichkeiten auf Urlaub zu fahren. Im Winter waren wir für 2 Wochen in der damaligen Tschechoslowakei, als ich 11 war einmal in Ungarn. Geschlafen haben wir in Ferienwohnungen. Nach dem Mauerfall hat meine Familie Urlaub in Norwegen, Dänemark, Österreich und in Deutschland selbst gemacht.

 

Welche Kindheitserinnerungen möchtest du uns mitteilen?

Ich bin in einer ländlichen Gegend mit riesigem Garten aufgewachsen, und wir hatten immer frisches Obst und Gemüse. Die Überschüsse haben wir auf verschiedenste Weise verarbeitet, um im Winter auch mit Obst und Gemüse versorgt zu sein. In den Supermärkten gab es immer nur das zu kaufen, was gerade Saison hatte. Einmal im Jahr konnten wir Bananen kaufen, aber nur eine Banane pro Kopf!

Beim Mauerfall war ich 13 Jahre alt, verändert hat sich für mich persönlich erst einmal nicht viel. Die Reisefreiheit war der erste Schritt, der die Veränderung spürbar gemacht hat.

Besonders erinnern kann ich mich an den ungewöhnlichen und exotischen Geruch westdeutscher Geschäfte. Mit verbundenen Augen hätte ich gespürt, dass ich mich in einem Geschäft in Westdeutschland befinde.

 

Mit welchen Herausforderungen bist du in den ersten Jahren konfrontiert worden?

Die ersten Jahre in der U.S.A. waren nicht leicht für mich. Ich habe als Nanny gearbeitet, aber hatte keinen Platz, an dem ich mich so richtig zu Hause gefühlt habe.

Als ich den Mut fand, zurück aufs College zu gehen, fing ich an Kraft zu schöpfen. Dort lernte ich meinen zukünftigen Mann kennen und lieben.

Nach all den Jahren fühle ich mich immer noch als Deutsche, vermisse das Land, in dem ich groß geworden bin, und ich gebe es zu, die deutsche Pünktlichkeit fehlt mir auch.

Ich lebe zwischen zwei Ländern und gehöre nicht zu hundert Prozent in das eine, aber auch nicht mehr in das andere Land.

Ich persönlich habe es noch nie in Erwägung gezogen, mich für die amerikanische Staatsbürgerschaft zu bewerben.

 

 
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Die Vielfalt der Menschen entdecken – eine Momentaufnahme mit Juliana

 

März 2021

 

Juliana (43) ist in Rio de Janeiro geboren und aufgewachsen. Seit 2014 verbringt sie den größten Teil des Jahres auf der Fazenda Almada, die rund 40 km von Ilhéus (Bahia) entfernt ist. Sie betreibt auf der Fazenda eine Bio-Kakaofarm und ein kleines Guesthouse. 2012 besuchte Markus Mauthe, ein deutscher Fotograf, Umweltaktivist und Autor, das erste Mal die Fazenda. Er verliebte sich in die Gegend und fand in Juliana die Liebe seines Lebens. Juliana hat zwei Töchter, Maria Helena (17) aus erster Ehe und

Anabelle (4).

Welche Tradition hat der Kakaoanbau in deiner Familie?

Vor einigen Hundert Jahren hat die portugiesische Krone an Adelige und den Mittelstand Ländereien, sogenannte „Sesmarias“, verteilt, um u.a. Zuckerrohr, Kaffee und Kakao anzupflanzen.

Mein Vorfahre Pedro Augusto de Cerqueira Lima aus Portugal übernahm 1855 die Fazenda und kultivierte in den ersten Jahren Zuckerrohr, bevor er auf den lukrativeren Kakaoanbau umstieg.

Namensgeber unserer Fazenda ist der Rio Almada, der nur einen Steinwurf von uns entfernt ist.

Ich betreibe in sechster Generation gemeinsam mit meinem Mann die Fazenda. Unsere Ziele sind, hochwertigen Bio-Kakao zu produzieren, das Wissen rund um die Kakao-Kultur zu erhalten und Gästen aus aller Welt die Schönheit und Artenvielfalt des Atlantischen Regenwaldes näher zu bringen.

Magst du uns einen Einblick in deine Arbeit geben?

Wir ernten die Kakaobohne zwei Mal im Jahr (Anfang Mai bis Ende Juni von Anfang Oktober bis Anfang Dezember).

Unsere Kakao-Felder sind 150 Hektar groß und werden von acht Pächtern in Stand gehalten. Selbst beschäftigen wir zurzeit weitere drei Personen. Wir stellen auf unserem Land die Ressourcen (Wasser, Elektrizität, Unterkunft) zur Verfügung, den Gewinn teilen wir 50/50.

Wir sind überzeugt davon, dass der Anbau von Bio-Kakao für Mensch und Umwelt die bessere Wahl ist. Wir wollen Lebensmittel im Einklang mit der Natur erzeugen und nicht auf ihre Kosten. Durch unseren naturnahen Kakaoanbau (wir nennen den „Kakaowald“ Cabruca) wachsen die Kakaobäume nach den Gesetzen der Natur in der unteren Baumschicht des Regenwaldes gemeinsam mit vielen anderen Pflanzen und Bäumen. Diese Form der Bewirtschaftung nennen wir Agroforstwirtschaft.

Dieses System hat den Vorteil, dass es die gesamte Biodiversität erhält, den Wasserhaushalt stabilisiert und den Boden vor Erosionen schützt.  

Von 2016 bis 2018 war unser Kakao Bio-zertifiziert. Als Kleinbetrieb haben wir den Vertrag aufgrund zu hoher Kosten nicht weiterverlängert.

Was fürchtest du am meisten bei der Kakaoernte?

Ausbleibende Regenfälle und schwere Unwetter bedrohen aufgrund des Klimawandels jährlich die Ernte. Aber auch Pilzkrankheiten, Viren und Schädlinge haben mir viele schlaflose Nächte beschert.

Ein Beispiel ist die Hexenbesenkrankheit (Witches´ Broom oder Moniliophthora perniciosa). Der Pilz verursacht besenartige Wucherungen an den Ästen. Befällt der Pilz eine Blüte des Kakaobaums, bringt diese keine gesunde Kakaofrucht mehr hervor.

Was schätzt du an der Kakaobohne und an deinem Lebensraum?

Mit der Bohne assoziiere ich Natur. Ich habe das große Glück, im Mata Atlântica zu wohnen. Einst erstreckte sich der Regenwald über die gesamte Ostküste Brasiliens aus und reichte bis tief in das Landesinnere. Heute gehört dieses komplexe Ökosystem, in ihm wachsen angeblich mehr Pflanzenarten als in Europa und Nordamerika zusammen, zu den am stärksten bedrohten Gebieten weltweit. Über 90 Prozent sind vernichtet oder in Sekundärwälder verwandelt worden. Mit über 10.000 Pflanzenarten, über 600 Vogelarten und 200 Säugetierarten weist er eine höhere Biodiversität auf als sein Kollege, der Amazonas-Regenwald.

Stimmt dich diese Situation traurig?

Ja, sehr, ich bin traurig und wütend zugleich. In meinem Land läuft so einiges schief. Angefangen von der Politik, bis zur Zerstörung unserer Naturreichtümer. Aber tief im Herzen bin ich fest davon überzeugt, dass wir das Ruder wenden können, um eine bessere Welt für unsere Kinder zu hinterlassen.

Ein Hoffnungsträger für mich ist das AMAP Projekt, das mein Mann Markus ins Leben rief. AMAP (Almada Marta Atlântica Project) kauft Farmland an der Kakaoküste Brasiliens. Degradierte Flächen werden mit freiwilligen Helfern aufgeforstet, Verbindungsbrücken zwischen den verbleibenden Bauminseln gepflanzt, um Tierarten wie dem vom Aussterben bedrohten Goldkopflöwenäffchen ein Überleben zu sichern.

Wo hast du als Kind Urlaub gemacht?

Als ich in Rio de Janeiro gewohnt habe, bin ich mit meinen Eltern immer in den Ferien zur Fazenda gefahren.

Was machst du in deiner Freizeit?

Ich schaue Filme, höre gerne Jazz- und Rockmusik. Mir gefallen Bands wie Nouvelle Vague, Thievery Corporation, Kraftwerk.

Mit Anabelle male ich gerne, sie liebt es mir beim Kochen zu helfen, meiner zweiten Leidenschaft. Ich lese und reise gerne und mir gefällt die Entwicklung, dass die jüngere Generation mit dem Internet sehr vertraut ist.

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Entdecke die Vielfalt der Menschen – eine Momentaufnahme mit Olena

 

April 2021

 

Olena (42) ist in der Ukraine geboren und aufgewachsen. Sie folgte ihrem Freund und jetzigen Mann nach Hannover, wo sie gemeinsam einen vierjährigen Zwischenstopp einlegten, bevor sie 2007 nach Edmonton immigrierten. 2015 machte Vladimir, der gemeinsame Sohn, das Leben der jungen Familie perfekt.

Wegen eines Jobwechsels zog die junge Familie 2019 um und mietet seitdem eine Doppelhaushälfte in Brandon, einer Stadt mit knapp 50.000 Einwohnern, angelegt in einem typisch amerikanischen „Schachbrettsystem“, im Bundesstaat Manitoba.

 

Wie kann ich mir einen typischen Tagesablauf vorstellen?

Wochentags arbeite ich von 9:00 bis 18:00 in einer Zahnarztpraxis als Zahnarzthelferin.

Täglich verbringe ich sehr viel Zeit in der Küche, um zu kochen. Zum Glück habe ich meinen kleinen Helfer, der mich beim Kochen unterstützt. Am Wochenende verbringen wir gemeinsam viel Zeit draußen in der Natur.

Zu sehen, dass sich mein Mann und mein Sohn in unserer jetzigen Heimat wohlfühlen, füllt mich innerlich aus. Für mich ist mein zu Hause ein Nest in dem ich mich geborgen fühle, und der beste Ort auf der Welt. Bin ich von meinen Lieben länger getrennt, stimmt es mich traurig.

 

War die Immigration in Kanada schwierig?

Ja, sehr. Es dauerte Jahre und war wortwörtlich ein Spießrutenlauf, der manchmal sehr emotional und oft einfach nur frustrierend war. Die Bürokratie, keine klaren Antworten auf unsere Fragen zu erhalten, zerrte sehr an unseren Nerven. Auf der anderen Seite war es nicht möglich, Zukunftspläne zu schmieden, denn wir wussten nicht, wo wir in Zukunft leben würden. 

Wir gingen nach Kanada in der Hoffnung auf einen guten Job. Vladimir wollen wir ermöglichen, dass er in einem sicheren und politisch stabilen Umfeld aufwächst. Einem Land mit guten Zukunftsmöglichkeiten. Zum Glück sind wir bis jetzt nicht enttäuscht worden, unser Durchhaltevermögen hat sich auf allen Ebenen ausgezahlt. 

 

Fühlst du dich als Kanadierin, welche kulturellen Unterschiede empfindest du?

Nein, ich bin noch immer durch und durch eine Ukrainerin. Die Zeit, die wir hier leben, ist nach all den Jahren noch immer zu kurz, um mich als Kanadierin zu fühlen, oder ich bin bereits zu alt. Wir haben uns sehr schnell an das komfortable Leben hier gewöhnt. Eine Gesellschaft, in der es keinen Engpass an Waren gibt, alles verfügbar ist und käuflich zu erwerben.

Ich empfinde es so, als ob das kanadische Leben auf Vergnügen und Spaß aufgebaut ist. Wenn ich mich zurück in die Ukraine versetze, erinnere ich mich daran, dass wir so vieles einfach tun mussten, es wurde keine Rücksicht darauf genommen, ob wir wollten oder nicht, ob uns die Arbeit Freude machte oder nicht.

 

Wo leben deine Geschwister, deine Eltern?

Meine Eltern wohnen in der Ukraine. Vor Corona habe ich sie einmal pro Jahr besucht.

Meine Schwester wohnt mit ihrer Familie in Italien. Das letzte Mal habe ich sie vor sieben Jahren gesehen. Meinen Sohn kennt sie nur über Skype, unser interfamiliäres Kommunikationstool.

 

Erlebt Vladimir eine „bessere“ Kindheit als du?

Vladimir wird verwöhnt mit Spielsachen, Leckereien und Aktivitäten. Vielleicht weil ich viele dieser Dinge selbst als Kind haben wollte, aber nicht bekommen habe.

Ob mein Sohn in einer besseren Zeit aufwächst, als ich aufgewachsen bin, ist schwer zu sagen. Das wird sich erst im Laufe der Jahre zeigen, zu welcher Art von Persönlichkeit er sich entwickeln wird. Er ist mit seinen jungen Jahren schon viel gereist, er wird mit einer Technologie groß, die es in meiner Kindheit noch nicht gegeben hat. Er nimmt alles als selbstverständlich an, da er nichts anderes kennt.

 

Teilst du deine schönsten Kindheitserinnerungen mit uns?

Wie ich ein Kind war, liebte ich unsere Campingtrips, die Wandertouren, ich spielte gerne draußen, und mit 9 oder 10 Jahren war ich einmal am Asowschen Meer (ein Binnenmeer, welches mit dem Schwarzen Meer verbunden ist) baden.

Meine schönsten Kindheitserinnerungen verbinde ich mit dem 31. Dezember. In der Früh schmückten wir den Baum, danach half ich meiner Mutter beim Kochen. Jedes Jahr war unser Haus voll mit Verwandten. Wir spielten miteinander, schauten Filme an und blieben bis Mitternacht auf.  Wir zogen uns hübsch an, lernten Lieder und Gedichte auswendig, die wir Väterchen Frost vortrugen.

Jahrelang haben wir es nicht überrissen, dass mein Vater oder mein Onkel sich abwechselnd als Väterchen Frost verkleideten. Misstrauisch wurden wir erst mit der Zeit, als sich immer einer der beiden entschuldigte, um Brennholz für unseren Kamin zu holen. Kaum waren sie aus dem Haus, kam Väterchen Frost mit unseren Weihnachtsgeschenken.

 

Welche Traditionen gibt es in der Ukraine rund um den Jahreswechsel?

Die orthodoxe Kirche feiert Weihnachten nicht am 24. Dezember, sondern am 6. Jänner. Der julianische Kalender, eingeführt 45 v. Chr. durch Julius Cäsar ist bis heute in Verwendung. Das orthodoxe Neujahrfest fällt im gregorianischen Kalender dadurch erst auf den 14. Jänner. Der Tag ist kein nationaler Feiertag.

In Zeiten der Sowjetunion feierten wir still und heimlich alle religiösen Feste. Mein Vater lehrte an einer Universität. Wollte er seinen Job nicht verlieren, musste er der kommunistischen Partei beitreten. Feiern von religiösen Festen war damals ein Kündigungsgrund.

 

Vladimir, bist du so nett und erzählst du mir ein bisschen von dir?

Vladimir: Klar. Ich besuche zurzeit einen Kindergarten, wo wir sehr viel draußen spielen. Am liebsten spiele ich gemeinsam mit meinen Freunden Twister und Fangen. Du musst wissen, ich kann sehr schnell laufen. Der Sommer ist mir lieber als der Winter und ich esse liebend gerne Süßigkeiten. Zu meinem sechsten Geburtstag wünsche ich mir einen Traktor, den ich selbst fahren kann.

 

Freust du dich schon auf die Schule?

Vladimir: Nein, eigentlich nicht. Am liebsten will ich bei meiner Kindergartenpädagogin bleiben.

 
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