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erzählt wie sie den Umstieg zwischen dem thailändischen und dem österreichischen Schulsystem erlebt hat. 

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arbeitete als Englischlehrer und Übersetzer bevor er seine Flucht nach Österreich antreten musste. 

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erzählt von ihren Erfahrungen als Ethnologin.

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ist im Zuge des Geografie Studiums nach Belgrad gezogen und hat ihr Hobby zum Beruf gemacht. 

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sah Corona als Chance und studiert seit Herbst 2020 in London International Tourism-, und Hospitality Management.

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berichten wie sie das große Erdbeben 1988 wahrgenommen haben.

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diente als Soldat im Biafra

Krieg, erblindete und ließ

sich nicht entmutigen.

Danach arbeitete er über 20 Jahre bei der UNO. 

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lebt im äußersten Osten Europas und gibt uns einen Einblick in Wirtschaft, Kultur und Sprache.  

 

Die Vielfalt der Menschen entdecken - eine Momentaufnahme mit Natascha

Februar 2021 

                                                                                                                                        

Das ist die persönliche Geschichte von Natascha, einem 16-jährigen Teenager aus dem Mostviertel mit thailändischen Wurzeln.

Zurzeit besucht sie die Tourismusschule in St. Pölten. Ihr größter Wunsch ist es, Flugbegleiterin zu werden und die Welt zu erkunden.

Die ersten acht Jahre hat Natascha in einem kleinen Dorf in Niederösterreich verbracht, bevor sie mit ihrer Mutter nach Thailand gezogen ist.

Eine große Herausforderung war der Umstieg in eine private thailändische Volksschule. War sie es gewohnt mit 15 anderen Kinder in einer Klasse Lesen, Rechnen und Schreiben zu lernen, waren es jetzt weit über 30 Kinder. Monate vergingen, bis Natascha mit dem neuen Schulsystem vertraut wurde, und weitere Monate, bis sie auch die thailändische Schrift lesen und schreiben konnte.

 

Natascha, wie unterscheidet sich das thailändische Schulsystem vom österreichischen?

Es gibt in Thailand eine Schuluniform. Mädchen ist es nicht gestattet die Haare offen zu tragen.

Die Grundstufe dauert sechs Jahre, die Sekundarstufe weitere sechs. Diese teilt sich in drei Jahre Mittelstufe und drei Jahre Oberstufe.

In Thailand gibt es Noten von vier bis eins. Vier ist die beste Note, eins ist die schlechteste.

Das Schuljahr beginnt im Mai und endet im März des darauffolgenden Jahres.

Der Unterricht ist als klassischer Frontalunterricht zu verstehen. Kaum ein Kind stellt eine Frage während des Unterrichts an den Lehrer, die Lehrerin. Thailändische Lehrer*innen sind viel strenger als ihre österreichischen Kollegen und Kolleginnen. Kleine Projekte gibt es erst ab der Sekundarstufe. Projektwochen, Sportwochen oder Sprachreisen sind in meiner Schule unüblich. Ab und zu wird der eine oder andere Tagesausflug unternommen. Thailändische Kinder lernen Englisch und ab der Oberstufe wählen Jugendliche aus einer der vielen asiatische Fremdsprachen. Seit kurzem stehen auch europäische Fremdsprachen zur Auswahl.

Die Kinder sitzen zu zweit an je einem Einzeltisch, die bei Tests auseinandergeschoben werden.

 

Erzähle bitte von einem ganz normalen Schultag.

Die Schule fängt zwar erst um 8:00 an, aber es ist erwünscht bereits um 7:00 in der Schule zu sein. Vor Beginn der Schulstunde werden jeden Tag Vokabeln abgeprüft. Es gibt zwei Doppelstunden am Vormittag, eine Stunde Mittagspause und am Nachmittag eine weitere Doppelstunde. Die Schule endet um ca. 15:00. Danach ist es üblich, sich in einem Lerncafé zu treffen, um Hausübungen zu machen und zu lernen. Für Grundschüler gibt es die Möglichkeit von 18:00 bis 20:00, für Schüler der Sekundarstufe bis 22:00, in einen kostenpflichtigen Förderunterricht zu gehen. Fragen zur Hausübung werden im Förderunterricht beantwortet. Es gibt zwar einen Schulbus, aber die Mehrheit der Kinder an meiner Schule wird gebracht und abgeholt.

 

Hast du schnell Freunde gefunden?

Ja, binnen einer Woche. Da so viele Kinder eine einzelne Klasse besuchen, gibt es Freundschaftsgruppen. Eine Klassengemeinschaft so wie in Österreich üblich habe ich in Thailand nicht erlebt. Jedes Schuljahr bekommen wir andere Lehrer und andere Schulkollegen.

 

2019 bist du wieder nach Österreich gezogen, wie war die Umstellung zurück?

Ich habe fast ein Jahr gebraucht, um mich wieder einzugewöhnen.

Hier ist es üblich, dass z.B. Jugendliche ihre Handys mit in die Schule nehmen. In der thailändischen Privatschule ist das erst seit dem Schuljahr 2020/2021 erlaubt. Meine Privatschule verlangte viel mehr Leistung von mir als die österreichische Tourismusschule jetzt.  Am meisten genieße ich den Klassenzusammenhalt, die Hilfsbereitschaft der einzelnen Lehrer*innen und die Freizeit nach der Schule.

 

Welche Unterschiede hast du zwischen den Kulturen wahrgenommen?

Ich finde österreichische Menschen sind freundlicher und offener. Thailändische Menschen sind kritisch gegenüber Neuem. Meine wahren und besten Freunde sind Österreicherinnen. In Thailand werde ich als Mädchen schnell kritisiert, wenn die Hose oder das T-Shirt zu knapp ausfällt. Wenn ich einem gewissen Schema nicht entspreche, hagelt es Kritik und Vorurteile.

 

Was hast du in Thailand an Österreich am meisten vermisst?

Den Schnee und die einzelnen Jahreszeiten. In Thailand ist es oft sehr heiß.

 

Was hast du in Österreich an Thailand am meisten vermisst?

Das Meer, den Strand.

Geschäfte, die rund um die Uhr offen haben.

Egal wo ich lebe, überall vermisse ich am meisten meine Mutter. Sie hat 2019 den Kampf gegen den Krebs verloren und ist viel zu früh von mir gegangen.

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Die Vielfalt der Menschen entdecken - eine Momentaufnahme mit Serwer

 

Februar 2021

Serwer (40) erblickte in Raʾs al-ʿAin, gelegen an der türkischen Grenze, das Licht der Welt. Nach der Matura studierte er Englisch und Literaturwissenschaft und arbeitete als Englischlehrer und Übersetzer in Damaskus. Im arabischen Frühling 2011 hat er aktiv für mehr Menschenrechte und Freiheit demonstriert. Später wurde er verhaftet. Er verlor im Krieg seinen Vater und seinen Bruder. Diese Erlebnisse waren ausschlaggebend dafür, seinem Land den Rücken zu kehren. Nach 40 Tagen Flucht kam er 2015 im Aufnahmezentrum Traiskirchen an. Von dort ging seine Reise in das idyllische Eichgraben, wo er mit seiner unkomplizierten und geselligen Art das Leben in der Gemeinde bereichert. Gemeinsam mit dem Verein Mosaik werden viele gemeinsame Aktivitäten geplant und umgesetzt. Mosaik steht für: Offen sein, Annehmen, Inklusion von Flüchtlingen, Interkulturelles Kennenlernen. Serwer ist Lehrer an einer Wiener Schule. Die Chronologie seiner Flucht lesen Sie in dem Projekt zbEichgraben.

 

Welche Unterschiede, vor allem im Bildungssystem stechen dir ins Auge?

In Syrien beginnt das Wochenende am Freitag und geht Samstagabend zu Ende. 

In meiner Kindheit der 80er und 90er Jahre teilte ich eine Klasse mit über 40 Kindern.

Wir hatten großen Respekt und Angst vor den Lehrern. Die Lehrer demonstrierten ihre Macht, und wir fürchteten uns vor Strafen. Der Unterricht war als Vortrag, als Frontalunterricht zu verstehen, wo man besser keine Fragen stellte. In meiner Heimatstadt waren, so wie ich, 90 Prozent der Bevölkerung Kurden. Es war strengstens verboten, in der Schule kurdisch zu sprechen. Je nach Alter fielen die Strafen unterschiedlich aus. Von einer Ermahnung, bis hin zu einem Klaps oder einem ungerechtfertigten Fünfer gab es ein breites Spektrum an Strafen.

Die Fächern Sport, Zeichnen und Musik existierten nur auf dem Papier. In dieser Zeit erledigten wir unsere Hausaufgaben oder gingen Fußballspielen. Ich vermisste Kreativität in meiner Kindheit. Ich habe kein einziges Bild in der Schule gemalt.

Seit 1963 regiert die arabisch-sozialistische Baath-Partei das Land diktatorisch. Bildung hatte bis in die 2000er Jahre eine untergeordnete Rolle. Die ersten Kindergärten entstanden um die Jahrtausendwende. Danach wurde ein immer stärkeres Augenmerk auf Bildung und Privatschulen gelegt.

 

Was hat deine Kindheit und Jugendjahre geprägt?

Die Schule. Die Schulpflicht in Syrien beginnt mit 6 Jahren, ich bin sogar mit fünf eingeschult worden. Nach 6 Jahren Volksschule, 3 Jahren Gymnasium und 3 Jahren Oberstufe habe ich maturiert.

Ich habe sehr viel Fußball gespielt, den Nationalsport in Syrien. Mit meinem älteren Bruder spielte ich viel Schach. In meiner Freizeit wurde mir von Freunden und Familie die lateinische Schrift beigebracht. In der Schule schrieben wir ausschließlich arabisch.

Englischunterricht hatte ich ab dem Gymnasium. Nachdem ich Bücher von Shakespeare, Charles Dickens, Tolstoi und Dostojewski verschlungen hatte und mich mit Sokrates und Aristoteles beschäftigt hatte, war mein größter Wunsch Philosophie zu studieren. Da ein Studium der Philosophie in einem Land wie Syrien wenig bis keine beruflichen Zukunftschancen mit sich brachte, habe ich mich für ein Studium in Englisch und Literaturwissenschaften entschieden. 

 

Welches Buch hat dich am meisten gefesselt?

Die Liebe in den Zeiten der Cholera, geschrieben von dem kolumbianischen Schriftsteller Gabriel García Márquez. Der Roman wurde im Jahr 2007 verfilmt. Sehen Sie hier den Trailer.

Worauf bist du besonders stolz?

Nach dem Studium habe ich als Englischlehrer in einem Gymnasium und in der Oberstufe unterrichtet. Ich habe Nachhilfeunterricht gegeben und als Dolmetscher gearbeitet. In dieser Zeit habe ich sehr gut verdient und konnte mir mit meinem Ersparten eine Eigentumswohnung in Damaskus leisten. Ich spreche fließend Englisch, Deutsch, Kurdisch und Arabisch und bringe ein Basiswissen in Türkisch mit. Bildung ist für mich sehr wichtig! Meine Wohnung ist dem Krieg zum Opfer gefallen, meine Bildung kann mir niemand wegnehmen.

 

Erzähl mir von einem schönen Erlebnis.

Im Sommer 2018 durfte ich mit einer Wiener Kollegin im Rahmen des IPP Projektes (international people project - building a global friendship), organisiert von CISV Österreich nach São Paulo fliegen. An diesem Projekt nahmen 24 Personen verstreut über den Globus teil. Gemeinsam haben wir einen Monat lang mit Downsyndrom Kindern gearbeitet.

Wir haben bei diesem Projekt unter anderem Fotos von ihrem Ohr, ihrem Auge, ihrer Hand etc. gemacht und danach ein Foto von unserem Ohr, unserer Nase, unserem Mund, etc. Danach haben wir die Fotos auf einer großen Wand zusammengestellt, um zu symbolisieren: Wir sind alle gleich!

Gemeinsam haben wir Theater gespielt, haben kreativ mit Farben gestaltet, sind ins Kino gegangen und hatten eine Menge Spaß.

Dieses Projekt war eines der besten, die mir in meinem Leben begegnet sind!

Für mich als großer Fußballfan ging mit der Reise nach Brasilien ein Traum in Erfüllung. Endlich konnte ich das Land von Rivaldo, Neymar, Ronaldo und Co mit eigenen Augen kennenlernen.

 

Wo hast du in Syrien Urlaub gemacht?

Ich habe ein paar Tage am Meer verbracht, habe für eine Woche meine Familie besucht. Mir gefällt das Gefühl, im Urlaub nichts zu tun, Freunde zu treffen, in den Tag hineinzuleben.

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Die Vielfalt der Menschen entdecken – eine Momentaufnahme mit Beata

 

Februar 2021

 

Beata (78) wurde in Budapest geboren. Ihre Eltern sind in der Habsburgmonarchie, der Vater in Wien, ihre Mutter in Temesvár (im heutigen Rumänien) geboren. Schon in der Volksschule verschlang sie Bücher über Expeditionen von Fridtjof Nansen, Sven Hedin und Roald Amundsen. Bis spät in der Nacht, versteckt unter ihrer Decke, tauchte sie in die Erlebnisse ihrer Vorbilder ein und malte sich aus, wie es ist, selbst Polarforscherin zu sein.

Beata hat drei Kinder großgezogen, hat zwei entzückende Enkelkinder und ist in zweiter Ehe verheiratet. 1986 war sie Gründungsmitglied von Care Österreich und leitete bis zu ihrer Pensionierung viele spannende Projekte in allen Kontinenten.

 

Warum sind Sie von Budapest nach Wien übersiedelt?

In meiner Kindheit war Ungarn hinter dem Eisernen Vorhang fest in kommunistischer Hand. Da beide Eltern einen Hochschulabschluss hatten, wäre mir ein Universitätsstudium in Budapest verwehrt geblieben. Nur Kinder von Arbeitern durften damals studieren. So bin ich im zarten Alter von 14 Jahren mit meiner Mutter nach Wien geflüchtet. Mein Vater und meine Großmutter konnten zwei Jahre später auswandern. Der Klang der deutschen Sprache war mir vertraut, da meine Eltern zu Hause oft Deutsch sprachen. Ich selbst hatte mich geweigert Deutsch zu lernen. In der Schule lernten wir russisch. Die deutsche Sprache assoziierte ich mit Nazis, Vertreibung und der Ermordung von Juden. Ich war immer sehr böse, wenn meine Eltern deutsch miteinander sprachen.

 

Haben Sie sich schnell in das Wiener Leben hineingefunden?

Trotz der anfänglichen sprachlichen Barriere habe ich mich schnell in das Wiener Leben hineingefunden und lernte die Sprache schnell. Ich besuchte zunächst das Akademische Gymnasium im Ersten Wiener Gemeindebezirk. Gegründet 1553 ist es das älteste Gymnasium in Wien.

 

Wollten Sie schon immer Ethnologie studieren?

Nein, weil ich zunächst nicht einmal wusste, dass es als Studienfach angeboten wird. Erst als ich Völkerkunde im Vorlesungsverzeichnis las, inskribierte ich Ethnologie, Psychologie und Philosophie. Ethnologie habe ich dann als Hauptfach gewählt, um mehr über die Vielfalt der Lebensweisen und Kulturen weltweit zu erfahren.

 

Wohin haben Sie Ihre ersten Reisen geführt?

Mit einem Nansen-Pass, einem Reisepass für staatenlose Flüchtlinge und Emigranten, fuhr ich nach Großbritannien, um Englisch zu lernen. Von dort ein Jahr später weiter nach Island, um seine Bewohner und die Naturwunder kennenzulernen. 1964 reiste ich nach Amerika, um einerseits meine Verwandten kennenzulernen, die vor dem Nazi Regime dorthin geflohen waren, und andererseits mich einer an der Yale University forschenden Wiener Ethnologin, die mich zu den Ojibva Indianern in Kanada mitzunehmen bereit war, anzuschließen. Meine Verwandten in den USA mussten für mich bürgen, damit eine Einreise in die Vereinigten Staaten mit meinem Nansen-Pass und meinem Geburtsort Budapest möglich war.

Drei Monate verbrachte ich mit den Ojibva Indianern und habe viel Wissenswertes über ihre Gewohnheiten und ihr Leben im Einklang mit der Natur erfahren.

Ich lernte, welche Bäume und Pflanzen wozu geeignet sind. Ich lernte, wie man Birkenrinde gewinnt um Gefäße, Jagdhörner oder ein Kanu herzustellen. Ich lernte mit Kanus über die Seen zu fahren.

 

Hat Sie etwas bei den First Nations irritiert?

Befremdlich fand ich, dass die kanadische Regierung den First Nations Fertig-Häuser zur Verfügung stellte, ohne auf ihre traditionelle Lebensweise einzugehen und diese zu berücksichtigen. Und ich war entgeistert, als einmal ein Lastwagen voll Hilfslieferungen mit Stöckelschuhen und weiteren unpassenden Sachen in eine Gegend, in der es nur Wälder mit sandigem Boden und Seelandschaften gab, geliefert wurde. Diese Erfahrungen waren sehr prägend für meine späteren Aufgaben in der Hilfsorganisation CARE.

Bedrückt hat mich auch das Schicksal der Kinder der First Nations. Sie wurden in Internate, sogenannte Residential schools geschickt und von ihren Eltern getrennt. Tausende von Kindern wurden ihren Traditionen und einem Leben im Einklang mit der Natur entfremdet. Sie haben verlernt im Winter auf ihren Jagdgründen zu jagen, was bis dahin ihre wichtigste ökonomische Grundlage bildete. In den Internaten durften die Kinder untereinander nicht in ihrer Muttersprache kommunizieren, mussten Englisch oder Französisch lernen. Eine kurze geschichtliche Zusammenfassung über dieses dunkle Kapitel Kanadas sehen Sie hier.

 

Welches Projekt war eine große kulturelle Herausforderung für Sie?

Meine Zeit in Bolivien. Von 1969 bis 1971 habe ich mit meinem ersten Mann und meiner Tochter, die bei der Einreise ein Jahr alt war, in Bolivien gelebt. Wir haben Grundlagenforschung für ein Erwachsenenbildungsprojekt bei Quechua Indios betrieben. Die ersten 10 Monate verbrachten wir in La Paz und einen ganzen Jahreszyklus in einem Dorf im Cochabamba-Tal südwestlich von La Paz.

Ich erinnere mich nur zu gut, dass meiner kleinen Tochter alle Türen im Dorf offenstanden. Sie spielte mit den Kindern und lernte schneller Quechua als ich und fungierte deshalb oft als kleine Dolmetscherin.

Ich persönlich habe die Menschen im Dorf als zurückhaltend und ablehnend empfunden und fühlte mich Tag und Nacht beobachtet. So als ob ich in einem Glashaus mitten auf der Kärntner Straße in Wien wohnen müsste. Oft habe ich mich gefragt, worauf das Misstrauen mir gegenüber zurückgeführt werden könnte. Vielleicht auf die Jahrhunderte lange Unterdrückung dieses Volkes?

Selbst meine kleine Tochter war kein „door opener“ zum Herzen der Dorfbewohner*innen.

Ich stand unzählige Male furchtbare Ängste aus, als ich meine Tochter im ganzen Dorf suchend nach ihrem Namen rief und sie sich nicht meldete. Niemand sagte mir, dass Camilla quietschvergnügt in diesem oder jenem Haus spielte.

Erst als ich 1971 hochschwanger Bolivien verlassen habe, erfuhr ich über Umwege, dass die Dorfbewohner mich geschätzt haben.

 

Haben Sie sich wieder so leicht wie als Jugendliche in die Wiener Gesellschaft eingegliedert?

Nein, es dauerte fast zwei Jahre, ehe ich mich in die Wiener Gesellschaft wieder integrieren und angekommen fühlen konnte. Zu sehr war ich von dem einfachen Leben in Bolivien geprägt. Ich fühlte mich in Wien lange selbst von meinen Freunden unverstanden. Die Konsumgesellschaft, der Überfluss, das Wertesystem, selbst eine Opernaufführung kam mir abartig vor. Und es war besonders schwierig, meiner kleinen freiheitsgewohnten Tochter begreiflich zu machen, was alles verboten ist, um in einer Großstadt zu überleben.

 

Wo haben Sie in Ihrer Freizeit Urlaub gemacht?

Urlaub im klassischen Sinn habe ich nie gemacht. Ich habe einen Rückzugsort am Land, wo ich das Erlebte in der Natur verarbeiten kann. Meine karge Freizeit habe ich in den Bergen mit Schifahren, Wandern und Klettern meist mit meinen Kindern und meinem zweiten Mann verbracht.

 

Welche Zutaten brauchen Menschen Ihrer Meinung nach, um Vorurteile gegenüber anderen Kulturen abzulegen?

Offenheit und Interesse für das Fremde allein reicht nicht. Als sehr schönes Beispiel empfinde ich, wie die Gemeinde Eichgraben mit der Flüchtlingswelle umgegangen ist. Die Neuankömmlinge wurden in das Gemeindeleben miteingebunden. Viele Freiwillige haben sich der Flüchtlinge angenommen, man hat mit ihnen Deutsch gelernt. Hiesige und Flüchtlingsfamilien haben gemeinsam gekocht. Aus manchen Initiativen entstanden lebendige Vereine. Flüchtlingskinder haben mit den ortsansässigen Kindern gespielt. Auch die Kirchen und Parteien und die Kulturvereine im Ort haben dieses Miteinander unterstützt. Auf diesem Weg wurde ein gegenseitiges Kennenlernen auf Augenhöhe und wertschätzender Umgang zwischen den Menschen und verschiedenen Kulturen ermöglicht.

 
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Die Vielfalt der Menschen entdecken – eine Momentaufnahme mit Tatjana

April, 2021

Tatjana (41) ist in Lunjevac, einem beschaulichen Dorf, dessen Umgebung landwirtschaftlich geprägt ist, aufgewachsen, bevor sie 1998 aufgrund ihres Geografie-Studiums nach Belgrad gezogen ist. Sie ist weder verheiratet noch hat sie Kinder. Von 2007 bis 2018 arbeitete Tatjana in einem Telekommunikationsunternehmen, bevor sie ihr Hobby zum Beruf machte: Abenteuerreisen!

Bist du mehr Stadtmensch oder Natur-Fan?

Ich kann mich nicht entscheiden.

Ich liebe meine Stadt, in der ich lebe, die Atmosphäre, das Gefühl, Menschen um mich herum zu spüren. Ich nehme die Energie und den Puls anderer wahr und lasse mich mit ihnen treiben.

Ich liebe die Natur, bin eine passionierte Bergsteigerin und liebe Touren besonders über 2.000 Meter Seehöhe. Das Prokletije-Gebirge in der Grenzregion zwischen Albanien, Montenegro und dem Kosovo gehört zu meinen absoluten Favoriten. Die schroffen Spitzen aus Kalkgestein, ähnlich wie bei den Dolomiten, üben eine enorme Faszination auf mich aus. Nirgendwo sonst fühle ich mich so frei und ungezwungen wie in diesen Bergen.

 

Dein Lieblingsplatz in Belgrad?

Zemun Quay, eine Promenade entlang des rechten Donauufers, liegt in der Nähe meiner Wohnung. Dort treffe ich mich mit Freunden, um etwas zu trinken, aber auch um Rad zu fahren. Auf der Fluss-Insel Ada Ciganlija, einem Naherholungsgebiet an der Save, gehe ich gerne spazieren, faulenze ich nach Herzenslust, fahre Rad und im Sommer schwimme ich im See.

 

Erzähle mir von deinen Kindheitserinnerungen.

Geboren wurde ich in Sarajevo in Bosnien-Herzegowina, wo meine Eltern geheiratet haben und ihren Lebensunterhalt verdient haben. Meine kroatische Mutter hat ihr Herz an einen serbischen Mann verloren. Es war damals nicht unüblich, da wir in einem multi-nationalen Staat gewohnt haben. Getauft wurde ich römisch-katholisch, aufgewachsen bin ich nach serbisch-orthodoxen Ritualen.

Als ich ein Jahr alt war, nahm mein Vater eine Stelle als Lehrer in Lunjevac an. Dort wohnten wir in einer Wohnung, die ein Teil des Schulgebäudes war.

Ich erinnere mich noch gut an mein Lieblingsbuch: Der Graf von Monte Christo.

In der Freizeit war ich immer schon eine Sportskanone. Meine ersten Bergerfahrungen und die Liebe zu den Bergen entstanden im Rahmen eines Praktikums während des Studiums.

 

Wie hat sich das Leben seit deiner Kindheit deiner Meinung nach geändert?

Verglichen mit den 90er-Jahren hat sich der Lebensstil massiv verändert.

Mir kommt vor, früher waren die Tage länger, ich hatte mehr Zeit. Heutzutage werde ich mit Informationen aller Art von allen Seiten geradezu bombardiert. Menschen lesen weniger und wir schauen (inklusive mir) viel mehr in Mini-Bildschirme, unsere ständigen Begleiter.

Ich glaube, wir sind unkonzentrierter geworden, haben dadurch weniger Geduld als damals. 

Besonders nehme ich den Unterschied in den Jahreszeiten wahr. Früher hoben sich die Übergangszeiten klarer ab, heute haben wir einen Tag Winter, am nächsten Tag Sommer und eine Woche später kramen wir wieder unsere Winterschuhe hervor. Es gibt auch viel weniger Schnee als in meiner Kindheit. Die Kinder können nicht mehr so wie ich damals im Schnee spielen. 

 

Gibt es deiner Meinung nach, eine nachhaltige Entwicklung in Serbien?

Ja. Es gibt Programme zu: Recycling, Eco-Tourismus, erneuerbaren Energien. Die Bevölkerung entwickelt ein Bewusstsein für den Klimawandel.

Im Supermarkt gibt es Bio-Produkte zu kaufen. Meistens kaufe ich Obst und Gemüse am Markt, das direkt aus den Dörfern der Umgebung kommt.

 
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Die Vielfalt der der Menschen entdecken – eine Momentaufnahme mit Miskola

März 2021

Miskola (37) stammt aus Dushanbe, der Hauptstadt von Tadschikistan, wo sie ein Reiseunternehmen gründete. Da aufgrund der Corona Pandemie ihre gesamten Touren abgesagt wurden, packte sie die Gelegenheit am Schopf und ging im September 2020 nach London, um an einem Aufbaustudium für International Tourism-, und Hospitality Management teilzunehmen. Für sie als Touristikerin war London die erste Wahl, verkörpert doch diese Metropole auf geringsten Raum die enorme Vielfalt unserer Welt, wo Miskola viele Erfahrungen sammelt und es für sie unterschiedlichste Möglichkeiten zu entdecken gibt.

 

Welche Unterschiede sind dir in der Fremde bewusst geworden?

In London (Bezirk Greenwich) teile ich mir meine Unterkunft mit vier sehr netten und freundlichen Menschen. Mein Zimmer ist im Vergleich zu meiner Wohnung in Dushanbe sehr klein, gerade mal 9 m². Nie und nimmer hätte ich vor meiner Abreise geglaubt, dass in einer so wohlhabenden Stadt wie London fremde Menschen auf so engem Raum zusammenleben. Den Grund hatte ich bald herausgefunden: Hier ist alles sehr teuer!

Mit der Zeit habe ich mich gut arrangiert. Was ich gelernt habe, ist, dass Menschen sich an alles gewöhnen können. 

In meiner Heimat haben wir gefühlte 365 sonnige Tage im Jahr, ich habe die Sonne als selbstverständlich angesehen und ihr nie große Beachtung geschenkt. Wenn jetzt in London die Sonne scheint, kommen Urlaubsgefühle in mir hoch. Ich verspüre den Drang, rauszugehen und die Sonnenstrahlen auf meiner Haut zu spüren und zu genießen.

Ich vermisse in London den intensiven Geschmack der Früchte. Egal ob es sich um Erdbeeren, Wassermelonen, Pfirsiche oder Marillen handelt. Der Geschmack von dem Obst, das ich kaufe, ist nicht mit dem Obst meiner Heimat vergleichbar. Mir kommt manchmal vor, die Menschen aus London wissen gar nicht, was sie alles an Geschmackserlebnissen versäumen.

 

Ich habe mir das Buch „The Cultural Map“ von Erin Meyer gekauft. Da ich jetzt in einer multikulturellen Stadt lebe, ist es mir ein sehr großes Anliegen zu verstehen, wie Menschen aus anderen Kulturen leben, handeln und fühlen.

 

Beobachtest du eine nachhaltige Entwicklung in Tadschikistan?

Ich bin in einem kleinen, aber auch sehr vielfältigen Land mit 143.100 km² (Im Vergleich: Österreich hat 83.879 km²) aufgewachsen. 93 Prozent davon sind Berge mit atemberaubender Schönheit.

Ich lebe aber auch in einem für westliche Verhältnisse unterentwickelten Land, wo es viele andere Probleme zu lösen gibt, bevor sich die Menschen mit einer nachhaltigen Entwicklung befassen. Es gibt internationale Organisationen, die unterschiedliche Projekte unterstützen und über Umweltschutz aufklären. Es braucht viel Zeit, um das Wissen aufzunehmen und umzusetzen. Aber ich finde, wir bewegen uns in die richtige Richtung.

All das Obst und Gemüse, das ich in Tadschikistan kaufe, ist nicht „bio zertifiziert“, es ist von Natur aus bio.

 

Was vermisst du am meisten, was macht dich glücklich, was traurig?

Meine beiden Töchter Ariana (15) und Tomiris (14). Da ich geschieden bin, leben sie während meines Studiums bei meiner Mutter. Ich habe sie das letzte Mal bei meiner Abreise im September gesehen. Meine jüngere Tochter spielt sehr gerne Gitarre. Letztes Jahr hat Tomiris bei einem Konzert mitgespielt, wo sie Gitarre spielt und Ariana singt. Auf YouTube haben wir ihren Auftritt aufgezeichnet.

Da mich das Studium sehr auf Trab hält, habe ich nicht viel Zeit, um nachzudenken. Trotz der Trennung sind es die vielen kleinen Dinge im Alltag, wie z.B. ein Schokokuchen, die mich zu einer glücklichen Person machen. Zufrieden bin ich, wenn ich meine gesteckten Ziele erreicht habe, traurig, wenn ich Ungerechtigkeit erfahre.

Erinnerungen an deine Kindheit?

Ich war eine Träumerin. Ich habe mir ständig Sachen gewünscht, die sich meine Familie nicht leisten konnte. Eine Barbie stand ganz oben auf meiner Wunschliste. Ein Wunsch, der sich nie erfüllt hat, manchmal denke ich mir, ich sollte mir jetzt eine kaufen.

So bastelte ich mir oft meine eigenen Spielsachen wie Möbel oder Puppenkleider. Durch meine Kindheit begleiteten mich Bücher von Jules Verne. „In 80 Tagen um die Welt” war mein Lieblingsbuch.

Als Jugendliche habe ich mich mit meinen Freunden getroffen, Bücher in der Bücherei gelesen und verschiedene Kurse wie Backen, Nähen oder Hairstyling belegt. Mein Traum war es, eines Tages in die U.S.A. zu reisen.

Die Sommer haben wir gemeinsam mit meinen Cousinen und Cousins im Haus meiner Großmutter verbracht, manchmal fuhren wir auch in den Norden.

Wo machst du heute Urlaub?

Als Eigentümerin eines Unternehmens mache ich so gut wie keinen Urlaub. Ich habe das große Glück, Menschen durch mein Land zu begleiten. Diese Touren geben mir Kraft und Energie. Im Februar 2020 war ich so ausgebrannt, dass ich gemeinsam mit meinen Mädchen auf Urlaub gefahren bin. Es war eine Katastrophe, ich war so enttäuscht. Gemeinsam sind wir ans Meer gefahren und ich war entsetzt über den Müll im Meer. Beim Schwimmen spürte ich das eine oder andere Plastiksackerl auf meinem Körper, einfach widerlich.  

Was heißt die Vielfalt der Menschen entdecken in Tadschikisch?

Гуногунии одамонро кашф намо

 
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Die Vielfalt der Menschen entdecken – eine Momentaufnahme mit Olga und Andranik

 

April 2021

 

Andranik (41) und Olga (35) haben sich vor fünf Jahren in Wien niedergelassen. Probleme mit dem Nationalsicherheitsdienst haben sie bewogen, diesen Schritt zu wagen. Das Paar wartet seitdem sehnlichst auf einen Aufenthaltstitel. Ihr größter Wunsch und Ziel ist es, sich in Österreich zu etablieren, einen Platz in der Gesellschaft zu finden und eine berufliche Tätigkeit auszuüben, in der sie sich gebraucht, wertvoll und nützlich fühlen.

Beide stammen aus der Stadt Gyumri, der zweitgrößten Stadt in Armenien. Gyumrianer*innen bezeichnen im Volksmund die Hauptstadt Jerewan als Mutterstadt und Gyumri als Vaterstadt. Andranik studierte Französisch und Jus und war in seiner Heimat Richterassistent, Olga studierte Russisch und Jus und war Sachbearbeiterin bei Gericht.

 

Wie füllt ihr die zermürbende Zeit eures Wartens aus?

Olga: Ich backe sehr gerne für Freunde oder meine Zwillingsschwester und ihre Familie, die ebenfalls in Wien wohnt, Süßes wie Gata oder Baklava/Baghlava.

Seit zwei Jahren engagiere ich mich freitags ehrenamtlich beim Verein Wiener Bedarfshilfe. Ich verteile Lebensmittel und Kleidung an Familien und PensionistInnen.

Der Verein hilft Menschen nicht mit Geld, sondern mit Notwendigem. Er hilft, dass Grundbedürfnisse für sozial benachteiligte Menschen sichergestellt werden. 

Es gibt mir ein gutes Gefühl, anderen zu helfen. Mir gefällt es, dass ich in den dabei entstehenden Gesprächen meine Deutschkenntnisse anwenden und vertiefen kann.  

Andranik: Ich habe ein Jus-Studium begonnen, gemeinsam haben wir Deutschkurse besucht. Wir unternehmen außerdem viele Spaziergänge, sei es am Donaukanal oder im Stadtpark. Vor Corona besuchten wir die unterschiedlichsten Museen in der Stadt. Zu unseren Lieblingsmuseen zählt das Naturhistorische und das Kunsthistorische Museum.

Olga: Vergiss nicht die Nationalbibliothek. Beim Betreten der Nationalbibliothek empfinde ich ein unbeschreiblich schönes Gefühl. Sie strahlt für mich eine ehrwürdige, fast heilige Atmosphäre aus.  

 

Was gehörte zu euren täglichen Aufgaben im Beruf?

Olga: Ich übernahm organisatorische und administrative Tätigkeiten. Als Sachbearbeiterin war es zum Beispiel meine Aufgabe die von den Richtern festgelegten Verhandlungstermine in einem Dokument zusammenzufassen, die Einladung an die betreffenden Parteien zu versenden, Dokumente zu kopieren, Daten im System zu verwalten und laufend zu aktualisieren.

Andranik: Ich war Richterassistent in einem Zivilgericht der ersten Instanz. Zu meinen Tätigkeiten gehörte, Beschlüsse und Urteile so vorzubereiten und auf ihre Vollständigkeit zu prüfen, dass diese vom Richter unterschrieben werden konnten. Zuletzt war ich mit Insolvenzen beschäftigt.

 

Welche Unterschiede habt Ihr zwischen dem armenischen und dem österreichischen Recht wahrgenommen?

Andranik: So tiefschürfend habe ich mich mit der Materie noch nicht auseinandergesetzt. Wir haben im Allgemeinen drei Instanzen bei Gericht, die in Strafrecht, Zivilrecht usw. unterschieden werden. Wird Berufung eingelegt, kommt die Partei in die nächste Instanz. Ein eigenes Verwaltungsrecht wurde erst 2008 gegründet. Davor waren die Wirtschafts- und Verwaltungszweige mit dem Zivilrecht vermischt.  

Unser Verwaltungsrecht wurde vom deutschen Recht abgeleitet und armenische Richter absolvierten damals ein Praktikum in Deutschland.

Strafmündig wird man mit 14 Jahren, je nach Delikt unterschiedlich streng. Volljährig ist man mit 18 Jahren.

Welches Erlebnis hat euch tief geprägt?

Olga: Das große Erdbeben vom 7. Dezember 1988 um kurz vor 12:00. Ich besuchte damals zwar erst den Kindergarten, aber ich prägte mir ein, wie meine Schwester und ich über die vielen Stufen ins Freie gelaufen sind. Meine Mutter (eine gebürtige Ukrainerin) erzählte mir später, sie habe gar nicht gewusst, dass es sich um ein Erdbeben handle. Als sie das Vibrieren spürte, wollte sie einen Schrank festhalten, damit die darin befindlichen Kostbarkeiten nicht runterfielen und zu Bruch gingen. Mein Vater musste sie überzeugen, dass sie so schnell wie möglich das Haus verlassen sollte.

Andranik:  Als es passierte, hatte ich gerade Russischunterricht. Auch wir mussten sofort das Gebäude räumen. Alle Schulgebäude wurden zerstört und die Häuser von Gyumri stürzten wie Kartenhäuser in sich zusammen. Über 25.000 Menschen wurden bei dieser Naturkatastrophe getötet. Ich habe meine Tante gemeinsam mit meiner Cousine verloren. Jeder kennt jemanden, der Angehörige verloren hat. Dieses Ereignis ist tief in unseren Köpfen verankert. Noch heute haben wir jedes Jahr am 7. Dezember frei, um zu gedenken. Die Fernsehprogramme spielen an diesem Tag keine Unterhaltungsfilme. Es ist wichtig für die armenische Mentalität, dass solche Ereignisse nicht vergessen werden.

Die Stadt wurde bis heute nicht vollkommen aufgebaut. Wir wohnten eine Zeit lang in Zelten. Die Schule war ebenfalls in einem Zelt untergebracht, nur spärlich eingerichtet und ohne Heizung. Ich besuchte 1988 die 4. Klasse und maturierte Jahre später noch immer in einem Zelt.

 

Was schätzt ihr an Armenien besonders?

Andranik: Armenien ist im Vergleich zu Österreich arm an Sehenswürdigkeiten. In Jerewan, der Hauptstadt gibt es ein Museum das dem armenischen Genozid gewidmet wurde. Am 24. April 1915 begann der erste Genozid des 20. Jahrhunderts, dem bis 1916 laut Schätzungen etwa 1,5 Millionen Armenier*innen zum Opfer fielen. Der Dokumentarfilm Aghet erzählt von diesem dunklen Kapitel in der armenischen Geschichte. In deutscher Sprache gibt es den zweiteiligen Film Mayrig – Heimat in der Fremde und Mayrig Straße zum Glück. Es wird das Leben einer Familie beschrieben, die vor dem Genozid nach Frankreich geflohen ist. Die Musik aus diesem Film stammt von einem Duduk, einem der ältesten Holzblasinstrumente. 

Es gibt viele alte Kirchen und Klöster. Die älteste Kirche und das religiöse Zentrum des Landes ist die Etschmiadsin Kirche. Schon gewusst? Armenien ist das älteste christliche Land der Welt. Wir haben lt. Guinness Buch der Rekorde auch die längste Seilbahn weltweit. In einer rund 12-minütigen Fahrt erreichen Besucher bequem das Tatev Kloster.

Olga: Ich spüre ein starkes innerfamiliäres Band. Meist leben die Kinder als Erwachsene im gleichen Haus der Eltern. Nicht nur armenische Geschichten werden von Generation zu Generation überliefert, auch die Vornamen selbst werden weitergegeben. Kinder haben meist die gleichen Vornamen wie ihre Großeltern oder ihre Schwiegereltern.

 

Was bedeutet „Die Vielfalt der Menschen“ auf Armenisch übersetzt?

Mardkants bazmazanutyun - Մարդկանց բազմազանություն

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Entdecke die Vielfalt der Menschen – eine Momentaufnahme mit Smart

 

Juni 2021

 

Dr. Smart Nkemakolam Benson Chukwuemeka Josaiah Ezenyriume Azuru Nwa Ukwuoji oder kurz Smart Eze (76) genannt ist verheiratet und hat zwei erwachsene Töchter. Seit 1989 lebt er in einer Gemeinde im Wienerwald. Als der 23-jährige Smart als Soldat im Bürgerkrieg von Biafra diente, löste ein Kamerad eine Tretmine aus. Eine große Anzahl winziger fliegender Metallsplitter durchbohrte seine Augen und seinen Oberkörper. Im Rahmen einer humanitären Hilfsaktion wurde er mit weiteren verwundeten Soldaten im Mai 1969 nach Europa ausgeflogen. Ärzte versuchten im Krankenhaus Lainz vergeblich, sein Augenlicht wieder herzustellen. Smart kann seine neue Heimat nur erfühlen. Trotz der Umstände schöpfte er einen ungeheuren Lebensmut. Nach einer Ausbildung zum Telefonisten besuchte er ein Abendgymnasium, studierte und promovierte im Jahr 1979.

Ein Jahr später fing er bei der UNO zu arbeiten an. Zuerst war er Sonderbeauftragter im Rahmen der UNO-Dekade der Menschen mit Behinderung, danach Pressesprecher und zuletzt als Fachmann für Sozialfragen im Büro der Vereinten Nationen für Drogen und Verbrechensbekämpfung. Seit 2005 ist er im wohlverdienten Ruhestand. In seinem Buch „Meine vier Welten“ erzählt er seine persönliche und sehr berührende Geschichte.

 

Ihren wunderschön klingenden Namen haben Sie mir in einer Sekunde genannt. Ich habe zehn Sekunden gebraucht und trotzdem fehlerhaft ausgesprochen. Erzählen Sie mir das Geheimnis hinter Ihrem Namen?

In Nigeria suchen die Eltern unterschiedliche Namen aus. Mein Vater gab mir den Namen Nkemakolam was übersetzt heißt: Lass mich nicht benötigen, was ich begehre. Zur Taufe mit 12 Jahren erhielt ich den Namen Benson, meine Mutter nannte mich immer Chukweumeka (Gott mache es gut). Den Namen Josaiah Ezenyriume habe ich von meinem Vater übernommen, den Namen Azuru, von meinem Großvater und Nwa Ukwuoji bedeutet Sohn des Urgroßvaters. So ist mein Name ein lebender Stammbaum. Mein Cousin hingegen nannte mich kurz und bündig Smart, da ich als Kind ein sehr quirliges und wissbegieriges Kind war.

 

Was war Ihr größter Erfolg im Büro der Vereinten Nationen für Drogen und Verbrechensbekämpfung?

Eine weltweite Computer-Datenbank von NGO´s aufzubauen, die auf dem Gebiet Drogenmissbrauch und Rehabilitation arbeiten. Im Laufe der Zeit habe ich viele Informationen gesammelt, und als ich in Pension ging, hatte meine Abteilung mehr als 1.200 Non-Profit Organisation elektronisch erfasst.

 

Welche Ihrer Tätigkeiten bei der UNO hat Sie innerlich am meisten erfüllt?

Dass ich etwas beitragen durfte, um die Situation der behinderten Menschen weltweit zu fördern und zu verbessern. Es hat mich innerlich erfüllt zu spüren, dass Menschen, egal mit welcher Behinderung sie leben, für die Gemeinschaft sichtbar werden. Dass sie ein Leben mit mehr Qualität, Mobilität und neuen Zukunftsaussichten erhalten. 

1981 haben das Kernteam (bestehend aus ca. 20 Personen) und ich im Rahmen des Internationalen Jahr der Behinderten das Samenkorn dafür gelegt. Daraus sprießte ein kleines Pflänzchen, welches langsam aber doch, zu einem stattlichen Baum heranwuchs.

Aufgrund des Erfolges wurde 1982 beschlossen, das Internationale Jahr der Behinderten zu einer UNO Dekade (1983 – 1992) der Menschen mit Behinderung zu verlängern.

Westlich entwickelte Länder haben viele unserer Projekte in die Realität umgesetzt.

Fehlende finanzielle Mittel sind einer der Gründe, warum Menschen mit Beeinträchtigungen in vielen Ländern tagtäglich noch immer mit viel zu vielen Hürden konfrontiert werden. Ich wünsche mir, dass diese Menschen eines Tages im Stande sind, ebenfalls ein menschenwürdiges Leben zu führen.

Lt. UNO leben zwei Drittel der etwa 650 Millionen Menschen mit Behinderungen in unterentwickelten Ländern.

Trotz all der Bemühungen wurde erst im Jahr 2006 die Behindertenrechtskonvention verabschiedet, welche 2008 in Kraft getreten ist.

 

Sie engagieren sich in der Pension für die Organisation Licht für die Welt. Was ist Ihre Tätigkeit?

Licht für die Welt ist eine international tätige österreichische Fachorganisation, die sich für Augenkranke, Blinde und Menschen mit anderen Beeinträchtigungen in Ländern des globalen Südens einsetzt.

Als ich noch gearbeitet habe, war eines meiner Ziele für den Ruhestand, mich bei dieser NGO zu engagieren. Aber nicht wie gewohnt in einem Büro, sondern im Außendienst. So besuchte ich gemeinsam mit einem Arbeitskollegen unzählige Bildungsstätten in Wien, Niederösterreich, Oberösterreich und der Steiermark. Angefangen vom Kindergarten bis zur Oberstufe. Ich erzählte Kindern und Jugendlichen, wie Menschen aus Afrika, Asien oder Lateinamerika mit ihren Beeinträchtigungen im Alltag zurechtkommen, wie die Gesellschaft mit Augenkrankheiten und deren Prävention umgeht.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO schätzt, dass weltweit mehr als 35 Millionen Menschen blind sind. Grauer Star ist weltweit die häufigste Blindheitsursache.

 

Wie hat sich die Technologie für blinde Menschen entwickelt?

Im Laufe der Zeit wurden einige Hilfsmittel für blinde Menschen auf den Markt gebracht.

In den 80er-Jahren fing ich mit einem Optacon an. Um eine halbe Seite zu lesen, brauchte ich 15 Minuten. Das war eine enorme Herausforderung, denn an manchen Tagen musste ich bis zu 300 Seiten lesen. Ich musste in diesen Jahren viel improvisieren. Meine Sekretärin half mir, vertrauliche Dokumente zu lesen und freiwillige Leser lasen mir öffentliche Berichte vor.

Mein Kassettenrekorder und Diktiergerät waren immer griffbereit.   

Als das Optacon von einem Versa Braille Gerät abgelöst wurde, bedeutete das für mich eine enorme Erleichterung. Die zu lesenden Texte wurden mit einer Computersoftware in Blindenschrift übersetzt und ermöglichten mir, selbst Texte zu lesen und zu verfassen. Mit einem Matrix-Drucker war ich im Stande, das Geschriebene auch auszudrucken.

Heute liest mir das Smartphone meine Nachrichten und E-Mails vor. Louis Braille, der Erfinder der Blindenschrift, hätte sich mit mir gefreut, dass wir eine so fortgeschrittene Technologie entwickelt haben.  

 

Wann haben Sie das letzte Mal Nigeria besucht und wie sieht die momentane Lage aus Ihrer Sicht aus?

Im Jahr 2005 habe ich das letzte Mal meine Familie besucht. Ich habe damals meinen 60. Geburtstag bei einem großen Fest gefeiert.

Nigeria selbst sitzt auf einem Pulverfass. Seit dem Biafra-Bürgerkrieg herrscht ein tiefes Misstrauen zwischen den einzelnen Ethnien.

1967 erklärte der ölreiche christliche Südosten Nigerias, wo auch ich lebte, seine Unabhängigkeit. Die Republik Biafra wurde geboren. „Land der aufgehenden Sonne, Land der mutigen Helden, wir begrüßen Biafra“, so lautete unsere Nationalhymne.

Bis 1970 eroberte Nigeria in einem der grausamsten Kriege, die Afrika je gesehen hat, das Gebiet zurück. Viele, vor allem junge Menschen, träumen aufgrund einer hohen Arbeitslosenzahl und einer fehlenden Zukunftsperspektive nach wie vor von einem unabhängigen Land.

Täglich werden Menschen erschossen und entführt. Anfang Juni habe ich gelesen, dass Präsident Muhammadu Buhari Twitter für das ganze Volk gesperrt hat, da der Nachrichtendienst einen Tweet von ihm gelöscht habe. Wenn die Bevölkerung diese Sperre umgeht, droht den einzelnen Menschen Strafverfolgung. Kritische Meinungen sind tabu.

Erfahrungsgemäß weiß ich, dass die Polizei in so einem Fall nicht lange zögert, sondern zur Waffe greift und Menschen kaltblütig erschießt.

Die Igbo, eine Ethnie, in die auch ich hineingeboren wurde, werden im Staat am meisten benachteiligt.

Die islamistische Terrorgruppe Boko Haram treibt mit Massakern im Norden Nigerias ihr Unwesen.

Das Bevölkerungswachstum will ich auch noch ansprechen: In den 60er-Jahren lebte ich für kurze Zeit in Lagos, einer Stadt mit damals unter 3 Millionen Einwohnern. Heute schätzt man, dass in Lagos über 20 Millionen Menschen leben.

Ich frage mich, welche Strategie mein Land verfolgen wird, wenn das schwarze Gold Erdöl, unsere Haupteinnahmequelle, versiegt ist.

 

Wann sind Sie in den Biafra-Krieg einberufen worden und wie denken Sie darüber, dass in friedlichen Ländern Waffen verharmlost werden und brutale Computerspiele gespielt werden?

Einberufen wurde ich 1968 in Port Harcourt. In den letzten Jahren, wo ich mit meinem Augenlicht gesegnet war, habe ich unvorstellbares Leid zu Gesicht bekommen und habe täglich einen ohrenbetäubenden Lärm um mich herum wahrgenommen.

Wir als Soldaten hatten wenig zu essen, aber mehr als die meiste Bevölkerung und vor allem mehr als die Kinder, das ärmste und unschuldigste Glied in diesem grausamen Krieg. Viele Eltern wurden von ihren Kindern getrennt und die Kinder aus Biafra litten unter einem Hungerödem oder Kwashiorkor. Das Krankheitsbild zeigt den charakteristischen Hungerbauch.

 

Ich frage mich: Wie können wir Menschen von uns behaupten, wir seien klug, einfallsreich, gebildet und talentiert? Wie kann ein friedliches Land, das Kriege verurteilt, selbst Waffen produzieren? Was bringen Gedenkfeiern wie z. B. der D-Day, wenn die Wurzel des Übels nicht gepackt wird?

Warum leben wir in zwei Welten, haben wir zwei Gesichter?

Menschen sind im Grunde gut, wir wollen in Harmonie leben, setzen uns für Gerechtigkeit ein. Unter bestimmten Umständen verwandeln wir uns jedoch in hoch aggressive Wesen. Solange wir diese zwei Gesichter nicht ablegen, es nicht schaffen Konflikte ohne Waffengewalt zu lösen, sind wir alles andere als intelligent, sondern primitive und triebgesteuerte Wesen.

Ich erwarte mir mehr von den Menschen. Ich empfinde großes Unverständnis dafür, dass scheinbar gebildete Menschen einen Gefallen an Waffen und brutalen Videospielen finden.

Ich frage mich nach dem Warum und denke viel nach, ohne eine Lösung gefunden zu haben. Ich überlege ernsthaft, ob ich mich noch einmal hinsetzen soll, um meine Reflektionen für die Nachwelt aufzuschreiben. Noch fehlt mir die Muße, aber die kommt vielleicht noch.

 

Pflegen Sie Kontakt zu anderen Soldaten, die mit Ihnen damals ausgeflogen worden sind?

Ja. Damals wurden die Flüge vom Roten Kreuz organisiert. Selbst im Schutz der Dunkelheit wurde das Flugzeug beschossen. Ich hatte großes Glück: Nach diesem Flug wurden keine weiteren Soldaten mehr ausgeflogen.  

Insgesamt wurden in meinem Flugzeug 70 Menschen in verschiedenste europäische Länder ausgeflogen.

In Wien gelandet, verließen neben mir neun weitere Personen mit Gesichtsverletzungen den Flieger.  Von den zehn Personen, die 1969 nach Wien gekommen sind, sind vier noch am Leben.

Vor Corona trafen wir uns einmal im Monat im Restaurant Mama´s African Grill-Bar im 10. Wiener Gemeindebezirk. Ein erstklassiges Lokal, der uns an die Kochkünste unserer Mütter erinnerte.

 

Was war ihr Lieblingsfest als Kind?

Das Neue Yamsfest. Yams ist ein Grundnahrungsmittel in Nigeria. Bereits am Morgen des Festtages wurde aufwendig gekocht. Verschiedene Gewürze wurden mit Mörsern fein gemahlen. Der Duft und das anhaltende Stampfen in den einzelnen Haushalten war wie Musik in meinen Ohren. Am Nachmittag empfingen wir Gäste von anderen Dörfern. Sie brachten Geschenke mit und im Gegenzug bewirteten wir sie.

Die Musik am Dorfplatz spielte bis in die frühen Morgenstunden. Am meisten gefiel mir der Ikorotanz.

 
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Die Vielfalt der Menschen entdecken – eine Momentaufnahme mit Margarita

 

Juli 2021

 

Margarita (28) lebt seit ihrer Geburt in der Universitätsstadt Ufa, der Hauptstadt von Baschkortostan, einer autonomen Republik im östlichen Teil des europäischen Russland. Die Stadt wurde ursprünglich als Festung im 16. Jahrhundert gegründet und erlangte 1919 ihre Autonomie. Sie liegt an den Flüssen Ufa, Djoma und Belaja. Margarita studierte an der Bashkir State Pedagogical University und hat einen Bachelor in Linguistik. Zurzeit arbeitet sie als Bibliothekarin mit ausländischen Studenten an der Bashkir State Medical University.

 

Wie kann ich mir einen Tag in deinem Leben vorstellen?

In meiner Wohnung klingelt um 8:00 der Wecker. Von Montag bis Freitag arbeite ich von 10:00 bis 18:00 an der Universität. Am Abend verbringe ich Zeit mit meiner Familie oder meinem Freund. Ich lese gerne oder surfe im Internet.

An den Wochenenden zieht es mich meist aufs Land, zu meiner Oma. Bei ihr entspanne ich mich von einer anstrengenden Woche und helfe gelegentlich bei der Gartenarbeit mit. Im Urlaub liebe ich es zu verreisen.

Um meinen Lebensstandard aufrecht zu erhalten, habe ich, so wie viele Menschen hier, kleinere Nebenjobs. Da ich ein Diplom als Deutsch- und Englischlehrerin habe, gebe ich unter anderem für Erwachsene und Kinder Nachhilfe.

 

Was gefällt dir besonders am Reisen?

Sightseeing. Ich besuche gerne Cafés, Einkaufszentren oder Museen. Russische Arbeitnehmer*innen haben im Schnitt 28 Kalendertage Urlaub. In dieser Zeit fahre ich am liebsten in den Süden von Russland. Städte wie Moskau oder St. Petersburg gefallen mir gut. Außerhalb Russlands war ich in Deutschland, Tschechien, Skandinavien, Griechenland, und meine nächste Reise führt mich in die Türkei.

Als Kind habe ich die Ferien am Land oder in Sommercamps verbracht. Mit meiner Mutter bin ich auch ans Meer gefahren. Einer meiner Träume ist, durch die Welt zu reisen.

 

Unterscheidet sich Baschkortostan von Russland?

So wie in jeder russischen Republik (es gibt über 20 autonome Republiken in Russland) gibt es auch bei uns zwei Amtssprachen: Russisch und Baschkirisch. 

Viele Straßen sind daher in Russisch, Baschkirisch aber auch in Englisch angeschrieben.

Drei Sprachen, die im Grunde nichts miteinander verbindet. Russisch ist eine slawische Sprache, Baschkirisch gehört zur Familie der Turksprachen und Englisch ist eine germanische Sprache.

Baschkortostan ist ca. so groß wie Österreich und Bayern zusammen und hat über 4 Millionen Einwohner. Baschkiren, Russen und Tataren bilden die größte Gruppe der über 100 Nationalitäten, die friedlich miteinander leben. Ich selbst bin russischer Abstammung mit ukrainischen Wurzeln.

Da die Mehrheit der Baschkiren sich zum sunnitischen Islam bekennt, haben wir auch Feiertage wie Kurban Bayrami (Islamisches Opferfest), das 2021 Mitte Juli stattfindet, oder Uraza Bayrami (Fest des Fastenbrechens). Jede Ethnie lebt nach unterschiedlichen Ritualen und Bräuchen. Diese Tatsache liebe ich so an Russland, und sie macht mein Land zu einem komplexen und einzigartigen Potpourri der Vielfalt.

Was ist der führende Wirtschaftssektor in Baschkortostan?

Baschkortostan ist eine wirtschaftlich starke und erfolgreiche Region im Vergleich zu anderen russischen Gebieten. Schwerpunkte der Wirtschaft sind Erdölförderung und -verarbeitung. So befindet sich unter anderem der größte petrochemische Komplex innerhalb Europas nördlich von Ufa. Allein bei Bashneft, einer Tochtergesellschaft von Rosneft, sind über 33.000 Arbeiter*innen in meiner Heimatstadt beschäftigt.

 

Welchen Stellenwert hat Musik und Essen für dich?

Ich höre viel Musik. Vor allem Rock, Folklore, Gothic und Entspannungsmusik. Zilia Bakhtiyeva ist eine bekannte Sängerin aus Ufa. Hier singt sie ein baschkirisches Volkslied. Ein traditionelles Musikinstrument ist die etwa 80 cm lange Hirtenflöte Kurai. Die vier jungen Männer von der Ethno Gruppe Yatagan, ebenfalls aus Ufa, spielen hier ein Lied, in der eine Kurai mitspielt.

Ich esse sehr gerne Früchte, Gemüse, Meeresfrüchte, manchmal Huhn und Süßes. Zu meinen Lieblingsgerichten zähle ich eine Pilz- oder Linsensuppe und Bulgur.

Ein traditionelles Gericht ist zum Beispiel Etschpotschmak. Das sind dreieckige gebratene Teigtaschen, die mit Kartoffeln, Fleisch und Zwiebeln gefüllt werden. Baschkortostan ist berühmt für seinen Honig.  Die alte Kunst der Waldimkerei mit Wildbienen wird von den Imkern gepflegt.

 

Welche Werte sind dir wichtig?

Ich schätze die Gesundheit und einen respektvollen Umgang mit meinen Mitmenschen, freue mich über jedes Lächeln und fühle mich mit den Tieren und unserer Natur verbunden. Wir sind nur eine kurze Lebensphase zu Gast auf dieser unvollkommenen Welt. Schockiert bin ich über die Grausamkeit und das Leid, welches Menschen unterschiedlichsten Lebewesen auf dieser Erde zufügen.

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