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Volunteer Tourismus – Tipps, damit mein Engagement nicht nach hinten losgeht

 

Reisen bilden und das Erlebte prägt die eigene Lebenseinstellung. Ein Wunsch vieler Menschen ist, ein Land durch die Brille der Einheimischen zu erleben und nicht als Tourist. Einen Blick hinter die Kulissen zu werfen. Ein Grund, warum Plattformen wie like a local (Insidertipps und Touren von „echten“ Einheimischen) wie Pilze aus dem Boden schießen.

 

Vor 2020 zählte ein anderer Zweig zu den am schnellsten wachsenden Märkten. Die Rede ist von Freiwilligeneinsätzen im Ausland. Diese Art zu helfen ist nicht neu und geht in das 19. Jahrhundert zurück.

Anfang der 1970er-Jahre hat die Geburtsstunde der Umweltbewegung geschlagen und mit ihr der Wunsch, als Freiwilliger zum Schutz der Umwelt beizutragen.

Vor rund 20 Jahren entwickelte sich ein „kommerzieller“ (nicht von NGOs, sondern von Unternehmen organisierter) Volunteer Tourismus als Nischenprodukt mit geschätzten Umsätzen zwischen $ 832 Millionen und $ 1,3 Milliarden pro Jahr. (2013/2014 Quelle: TourismWatch S. 40).

 

In diesem Artikel geht es darum, wann der Wunsch zu helfen nur die Taschen westlicher Firmen füllt und nicht den Menschen vor Ort zugutekommt.

Wann besteht die Gefahr, die Bedürfnisse zahlender Touristen in den Mittelpunkt zu stellen und die Interessen der lokalen Bevölkerung in den Hintergrund zu drängen?

 

Die Arbeit mit Kindern sowie Natur- und Tierschutzprojekte in Afrika, Asien und Lateinamerika zählen zu den beliebtesten Tätigkeiten, um Gutes zu tun und dabei Land und Leute kennenzulernen.

 

Warum nicht einen Badeurlaub, eine Safari oder eine Besichtigungstour mit der Mithilfe bei Sozial- oder Naturschutzprojekten verknüpfen und dabei ein gutes Gewissen vermittelt bekommen?

Gibt es einen Haken dabei?

 

Um ein Vertrauensverhältnis zu Minderjährigen aufzubauen, ist allerdings mehr Zeit erforderlich, als Urlauber*innen in der Regel zur Verfügung steht.

Kurze und sinnvolle Tätigkeiten sind nur da möglich, wo du nicht im direkten Kontakt mit Kindern stehst.

 

Engagiere dich im Rahmen deines Urlaubs lieber bei Müllsäuberungsaktionen in der Natur, hilf auf einem Bauernhof bei der Heuernte mit, pflanze Bäume, zähle auf einem Forschungsschiff Wale und Delfine oder sei dabei, „locals“ für Abfalltrennung und Recycling zu begeistern. Das Magazin Bergwelten hat hier weitere Anregungen aufgezählt.

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Willst du mit Kindern arbeiten, plane mindestens sechs Monate, besser ein Jahr ein. Warum?

 

  • Die Einarbeitungsphase allein dauert bereits Wochen

  • Ein Vertrauensverhältnis zu anderen Menschen, insbesondere Kindern, aufzubauen braucht viel Zeit und Einfühlungsvermögen

  • Ein ständiger Wechsel von Bezugspersonen ist mitunter sehr verstörend für Kinder.

       Erinnere dich zurück: Wie hättest du als Kind reagiert, wenn alle paar Wochen eine neue 

       Bezugsperson um deine Aufmerksamkeit gebuhlt hätte?

 

Freiwillige können eine sinnvolle Unterstützung im Unterrichtsalltag sein. Jedoch sollten diese keine Lehrertätigkeiten ausüben.

Besondere Vorsicht ist bei Waisenhäusern geboten. Schon gewusst? In Kambodscha sind nur 28 Prozent der Kinder in diesen Häusern Vollwaisen, der Rest hat mindestens einen lebenden Elternteil (Quelle: UNICEF). In anderen Ländern ist ein ähnliches Phänomen zu beobachten und Waisenhäuser liegen besonders oft in touristischen Hotspots – ein Zufall?

 

Die Organisation Lumos, gegründet von J.K. Rowling, hat sich das Ziel gesetzt, dass bis 2050 „Pseudo-Waisenhäuser“ der Vergangenheit angehören sollen. Australien erkennt den Waisenhaushandel als eine Form der modernen Sklaverei an und übt Druck auf Reiseunternehmen aus, den Waisenhaustourismus zu beenden. (Quelle: BBC und Reuters)

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Auf welche Kriterien achte ich? Hinterfrage folgende Punkte:

 

  • Was ist meine Motivation? Ein spannender Urlaub, etwas nicht Alltägliches zu erleben oder hege ich schon lange den Wunsch, mich sozial zu engagieren?

 

  • Kann ein Unternehmen, das unterschiedliche Projekte im großen Stil anbietet, wirklich jedes Einzelne gut kennen?

 

  • Preistransparenz – wie viel Geld vom Reisepreis kommt wirklich der lokalen Bevölkerung zugute?

 

  • Wird ein Lebenslauf, ein Motivationsschreiben verlangt?

 

  • Muss ich ein Bewerbungsgespräch führen, einen Bewerbungsprozess durchlaufen?

 

  • Benötige ich bereits Qualifikationen im Tätigkeitsbereich, Referenzen?

 

  • Trete ich in Konkurrenz zu lokal bezahlten Arbeitskräften?

 

  • Beherrsche ich die Landessprache im Einsatzland? Nachweis?

 

  • Kann ich mir Projekt und Einsatzland selbst aussuchen?

 

  • Welche Kinderschutzrichtlinien gibt es? 

       Mein Tipp: Buche nur über Anbieter, die über eine umfangreiche Kinderschutzstrategie,       

       Verhaltenskodex und Meldeprozedere im Verdachtsfall verfügen. Einige kommerzielle Anbieter   

       haben The Code, den internationalen Kinderschutzkodex im Tourismus unterzeichnet und ein 

       Kinderschutzkonzept ausgearbeitet. Zu den Voluntourismus-Richtlinien geht´s hier entlang.

 

  • Brauche ich einen Strafregisterauszug?

 

Volunteer Tourismus kann ein Türöffner für sexuellen Missbrauch von Kindern sein. Freiwillige sind oft bei Gastfamilien mit Kindern untergebracht und bekommen auf diese Weise leichten Zugang zu Kindern. In der Global Study on Sexual Exploitation in Travel and Tourism (2016) wurden Analysen der Strafverfolgungsbehörden in Großbritannien und den Niederlanden ausgewertet. Das traurige Ergebnis: In beiden Ländern stehen 15 bis 20 Prozent aller Verdachtsfälle von sexuellem Missbrauch an Minderjährigen im Zusammenhang mit Freiwilligeneinsätzen im Ausland.

 

  • Werden vor Abreise verpflichtende Schulungen zu dem Thema Kinderrechte und Kinderschutz durchgeführt?

 

Das A und O bei Freiwilligeneinsätzen sind eine gute Vorbereitung und eine qualifizierte Begleitung während des Einsatzes. Frau Mag. Astrid Winkler, Geschäftsführerin von ECPAT Österreich, empfiehlt Volontär*innen, nach der Eingewöhnungsphase Vertrauen zu einer im Land ansässigen Kinderschutzorganisation aufzubauen, um im Ernstfall rasch handeln zu können und sich zwischendurch immer wieder einen Rat zu holen.

 

  • Wieder zu Hause angekommen. Welche Formen der Nachbereitung gibt es?

 

Ein Projekt darf nicht von Freiwilligen aufgebaut oder abhängig sein. Volunteers sind eine Unterstützung von lokalen Arbeitskräften.

 

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Empfohlene Videos & Broschüre:

Nur schnell mal die Welt retten: Freiwilligen-Tourismus - YouTube

Braveaurora ORF-Thema -  Ghana, das Milliardengeschäft mit den Waisenhäusern (03.07.2017)

Kurzes Erklärvideo über “Fake Waisenhäuser” - ChildSafe Movement - Don't Create More Orphans - YouTube

Vom Freiwilligendienst zum Voluntourismus

 

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Sei ebenfalls wachsam bei Volunteer Tourismus mit Wildtieren.

 

Meide Projekte mit direktem Kontakt zu Wildtieren.

 

Löwenbabys würde auch ich gerne füttern und knuddeln. Ich verwerfe jedoch schnell meine Gedanken im Wissen, dass diese Tiere später nicht mehr ausgewildert werden können und oft für Jagdtourist*innen zum Abschuss freigegeben werden.