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wurde von Aborigines adoptiert, nachdem sie ihr Vertrauen mit dem Fang einer Python gewonnen hat.

Die Vielfalt der Menschen entdecken – eine Momentaufnahme mit Denise

 

Mai 2021

 

Dr. Denise wurde von den Aborigines „adoptiert“ und ist ihre Botschafterin. In ihren Augen ist sie eine weise Frau. Die passionierte Biologin, Umweltberaterin und Autorin (sie schreibt Bücher, Artikel und Vorträge) ist bereits eine stolze Oma und lebt mit ihrem Ehemann am Land, wo sie drei Hunde hat. Nebenbei berät Denise Fernsehsender in puncto Aborigines-Kultur und Wildtiere. In ihrer Tätigkeit als Reiseführerin bringt sie Menschen den kulturellen und natürlichen Reichtum im Northern Territory näher.

Was waren deine ersten Berührungspunkte mit Biologie?

Einige Jahre meiner Kindheit verbrachte ich im Riverland, einem ländlichen Gebiet in Südaustralien. Als schüchternes Kind fühlte ich mich zur Tierwelt mehr hingezogen als zu Menschen. Ich hatte das große Glück, eine Aborigines-Freundin, Frau Knight, zu haben. Sie nahm mich auf lange Spaziergänge durch den Busch mit und lehrte mich viel über die Natur.

Weiters war ich ein Bücherwurm durch und durch. Da ich mit drei Jahren bereits gut lesen konnte, schenkten mir meine Eltern mit vier einen ganzen Band von Enzyklopädien für Erwachsene. Dort las ich viel über Wildtiere, aber auch über deren Physiologie und Taxonomie (Klassifizierung).

War diese Zeit sehr entscheidend oder prägend für deine Zukunft?

Zwei Ereignisse in meiner Kindheit waren sehr prägend für mich.

Frau Knight war eine Schlüsselfigur. Obwohl ich noch ein Kind war, behandelte sie mich als gleichberechtigte Person. Sie lehrte mich, die Natur und ihre Tierwelt ebenfalls auf gleicher Augenhöhe wahrzunehmen und dementsprechend zu behandeln. Als ich selbst Mutter war, habe ich viel von ihrer Art und Weise auf meine Kindererziehung übertragen.

Ihre Erfahrungen halfen mir auch später, als mich Kunwinjku Aborigines vom westlichen Arnhem Land baten, ein Tourismusprojekt gemeinsam auszuarbeiten.

  

Das zweite Erlebnis war aber nicht minder prägend.

Beim Warten auf den Schulbus wurde ich von einigen Jungen öfters schikaniert. Eines Tages schlugen sie mich mit dem Griff einer Axt. Ich glaubte, ich würde sterben. Als sie mich am gleichen Nachmittag wieder verprügelten, ging ich den Kilometer von der Bushaltestelle weinend nach Hause. Auf einmal spürte ich etwas im Rücken. Ich glaubte, die Burschen waren es, aber als ich mich umdrehte, sah ich einen großen schwarzen Stier hinter mir stehen. Zum zweiten Mal an diesem Tag glaubte ich, dass ich sterben würde. Aber er wollte einfach, dass ich ihn zwischen den Hörnern streichle. Ich erfüllte ihm seinen Wunsch und legte meine Hand über seinen Hals. So gingen wir den restlichen Weg nach Hause.

Als die Burschen das sahen, trauten sie ihren Augen nicht. Seit diesem Tag haben sie mich nie mehr verprügelt.

 

Warum bist du von den Aborigines adoptiert worden?

1983 war ich Stadträtin in Darwin. Ich wollte damals die Interessen der Aborigines in meiner Gemeinde vertreten, aber aufgrund meiner Herkunft genoss ich kein Vertrauen der Einwohner. Um meine Entschlossenheit zu testen, bat mich die Vorsitzende, Frau Thompson, eine Python (Würgeschlange) zu fangen. Ich stimmte zu und watete damals mehrere Stunden durch eine Lagune, die neben Schlangen auch unzählige Krokodile beherbergte. Ich war erfolgreich und bewies Vertrauenswürdigkeit gegenüber den Aborigines. In Darwin jedoch drohte man mir mit Strafverfolgung, da ich eine bedrohte Tierart gefangen hatte. Um mich vor Strafverfolgung zu schützen, adoptierte mich Frau Thompson.

Dann bist du eine sehr mutige Frau?

Ich persönlich würde mich nicht als mutig bezeichnen. Ich bin eine Querdenkerin und war öfters in verzweifelten Situationen, die ein schnelles Denken und Handeln erforderten. Da ich viel allein in der Natur geforscht habe, bin ich immer wieder auf gefährliche Wildtiere gestoßen.  Öfters musste ich junge neugierige Büffel von meinem Camp fortjagen. Einmal sogar ein ausgewachsenes Tier von stattlicher Größe. Ich schlich mich an und schrie nach Leibeskräften.  

Schon bevor ich Stadträtin wurde, war mir bewusst, wie die Polizei mit Aborigines umging, und ich begann einzugreifen. Einmal drohte mir ein Beamter. Ich empfand die Situation als sehr beängstigend.

Leider behandeln viele Australier unsere Ureinwohner als wären sie unwissend, das stimmt mich nachdenklich und macht mich traurig. Meine Kunwinjku-Verwandten sprechen mehrere Sprachen und haben erstaunliche Busch- und Sozialkompetenzen.  Sie sind gebildete Menschen!

Kunwinjku-Verwandte bitten mich oft zu vermitteln, wenn es Ärger gibt. Ich sehe mich als Friedensbotschafterin zwischen den Fronten.

Vor vielen Jahren gaben mir die Ältesten den Beinamen "Lawungkurr", welcher von einer ihrer Vorfahrinnen stammt, die für ihre Vermittlungsfähigkeiten respektiert wurde.  

 

Was waren die größten Herausforderungen in deiner neuen Familie?

Aufgrund meiner Einstellung fügte ich mich rasch ein, sodass ich nur wenige Probleme hatte. Natürlich musste ich erst lernen, mit welchen Menschen ich reden konnte und mit welchen besser nicht (z.B. Männer, die ich „Schwager“ nannte).

Es war eine Herausforderung, als ältere Frauen, meine Adoptivschwestern, beschlossen, meinen jetzigen Ex-Mann und mich mit "Magie" zu trennen. Sie dachten, er sei "nicht gut genug" für mich. Sein Foto wanderte daraufhin durch ganz Arnhem Land und ich habe meine Adoptivschwestern eingeladen, ihn kennenzulernen. Sie beschrieben ihn später als "den besten Mann, ob schwarz oder weiß, im Arnhem Land"!

In der Kultur der Aborigines hat jedes Mitglied eigene Traumtiere. „Träumende Tiere“ müssen mit Respekt behandelt werden. Eines meiner Traumtiere „dreaming“ ist ein Salzwasserkrokodil. Ich lernte, falls mich so ein Tier jemals angreift, kann ich es nur höflich bitten, mich und meine Begleiter in Ruhe zu lassen. Das ist eine große Herausforderung für mich.  

Die Kunwinjku Aborigines sind meine Familie. Wir lieben, verstehen, vertrauen und akzeptieren uns gegenseitig.  Darüber hinaus bereichern sie unsere Gesellschaft. Ich werde nie aufhören für sie zu vermitteln und ihnen zur Seite zu stehen.

 

Was können wir von den Aborigines lernen?

Es gibt viel was wir voneinander lernen können.

Kunwinjku-Kinder werden selbst „kleine Eltern“ für andere Kinder. Ab dem Kleinkindalter beginnen sie, elterliche und pädagogische Fähigkeiten, Geduld und Selbstregulierung zu lernen. Diese Rollen helfen ihnen, kompetente Eltern und verantwortungsvolle Mitglieder in der Gemeinschaft zu werden. Außerdem sind Kunwinjku-Aborigines hervorragende Diplomaten in Zeiten der Not. Eine Eigenschaft, die ich im Laufe der Zeit sehr zu schätzen gelernt habe. 

Ein Beispiel: Mein Sohn Rowan wurde Ngaba ('kleiner Papa') für den neugeborenen Sohn seines Stammesbruders, als er erst drei Jahre alt war. Ich sah, wie diese Erfahrung sein Verhalten veränderte.

Die Worte von Colin Turnbull, einem britischen Anthropologen, der in Afrika gearbeitet hat, kommen mir in den Sinn. Für Jäger- und Sammlervölker, schrieb er, sind Integrität, Freundlichkeit, Nächstenliebe und Toleranz "keine Tugenden", sondern "Notwendigkeiten zum Überleben". 

Das sind essenzielle Fähigkeiten, die wir für eine weitläufig denkende Gesellschaft brauchen, besonders in Zeiten von Corona.

 

Du bist auch Autorin, erzähl mir von deinen Büchern.

Für das Buch “Birds of Australia’s Top End” habe ich hauptsächlich aufgrund der bildnerischen Gestaltung über 20 Jahre lang gearbeitet. Es war das erste australische Vogelbuch, das eine lokale Aborigines-Sprache verwendet. 

Meine Autobiografie „Quiet Snake Dreaming” habe ich innerhalb von fünf Jahren geschrieben.

Ich schreibe, weil ich Menschen informieren und aufmerksam machen will und mir das Schreiben großen Spaß macht. Schützen wir die Natur, schützen wir uns selbst, unsere Kinder und zukünftige Generationen.

 

Was macht dich glücklich, was macht dich traurig?

Es macht mich traurig, dass ich im Moment viel Zeit aufbringen muss, Unkräuter wie das monströse Gamba-Gras (Andropogon gayanus) zu bekämpfen. Ein Unkraut, das aus Afrika als Viehfutter eingeführt wurde. Dieses Gras wird über vier Meter hoch und verdrängt die einheimische Flora und Fauna im Top End des Northern Territory. Außerdem schürt es gefährliche Buschfeuer. Ich bin froh, dass ich einen Weg gefunden habe, das Unkraut ohne Herbizide auf Glyphosatbasis zu bekämpfen und zu erfahren, dass sich die Natur anschließend wieder erholen kann.

Leider ist das Gamba-Gras in weiten Teilen des Top Ends außer Kontrolle geraten und nur wenige Menschen interessieren sich für meine umweltfreundliche Methode, es zu vernichten.

Aber meine Familie macht mich sehr glücklich, genauso wie das Leben im Busch. Und ich habe vor kurzem erfahren, dass die Kunwinjku in ihr Land, Baby Dreaming, zurückkehren dürfen, wo sie unbeschwert nach den Regeln der Natur leben.

 
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