2020_08_23_8002 (2).JPG

Eine Reise in die Zukunft: Tourismus 2040

 

In diesem Artikel nehme ich Sie auf eine Reise in die Zukunft mit. Paradoxerweise ist es, gemessen an Dokumentationen, Filmen und Bücher einfacher, sich in dystopische Zukunftsszenarien zu verlieren, als sich in eine positive und lebenswerte Zukunft hineinzuversetzen.

 

Das Buch „Stell dir vor, mit Mut und Fantasie die Welt verändern“ hat mich inspiriert mir fünf „Was wäre, wenn“ Fragen zu stellen. Die realistische Seite in mir beleuchtet die Gegenwart, meine fantasievolle Seite die Zukunft.

IMG_2611 (2).jpg

Was wäre, wenn das öffentliche Verkehrsnetz so gut ausgebaut ist, dass Flugzeuge für innereuropäische Reisen überflüssig werden?

 

Gegenwart:

Reisende, die gerne per Bahn durch Europa touren, werfen nicht selten frustriert das Handtuch. Schlafwagen sind bereits Monate im Vorhinein ausgebucht, die Buchung länderüberschreitender Tickets ist ein Spießrutenlauf und preislich hat das Bahnticket nicht selten das Nachsehen gegenüber attraktiven Flugpreisen.

Reisenden wird suggeriert, dass Technik, Effizienz und Biokraftstoffe (Sustainable Aviation Fuels) alles regeln, und die beim Flug entstandenen Emissionen werden durch einen Obolus wieder kompensiert.

2021_12_22_3409 (3).JPG

Zukunftsszenario:

Es war ein langer Weg, aber Europa hat es geschafft, 2040 das Bahnnetz zu revolutionieren.

Bahnprojekten wurde gegenüber der Straße der Vorzug gegeben und es wurde in moderne Züge investiert, die mit erneuerbaren Energien betrieben werden. Reisebüromitarbeiter*innen haben sich zu Bahn- und Busspezialisten weitergebildet, Flugtickets werden stark besteuert und bei jeder Pauschalreise wird der CO2- Ausstoß berechnet und ausgewiesen. Die Kompensation der entstandenen Emissionen wird automatisch in den Reisepreis miteinkalkuliert.

Das Budget der Regierungen für technische Weiterentwicklungen in punkto Mobilität wurde verdreifacht, um Reisen so klimaschonend wie möglich zu gestalten.

Es ist selbstverständlich, dass jede Unterkunft ein Abholservice vom Bahn- oder Busbahnhof anbietet, und vor Ort werden den Urlauber*innen E-Bikes, E-Autos, E-Carsharing Systeme sowie ein gut ausgebautes Netz an öffentlichen Verkehrsmitteln angeboten.

Das „ÖBB Haus zu Haus Gepäckservice“ wurde ausgebaut und Unternehmen gegründet, um Skier, Kinderwagen, Surfbretter, Fahrräder oder anderes Gepäck unabhängig vom Gast in die Unterkunft zu bringen, damit dieser bequem mit Handgepäck anreisen kann. 

 

 

Was wäre, wenn alle Arbeitnehmer*innen eine Auszeit zur Verfügung haben, die genutzt wird, um zu spüren, wie es ist, in einer anderen Kultur zu leben?

 

Gegenwart:

Entdecke Europa in 14 Tagen! Wien, Hallstatt, Salzburg, München, Prag, Venedig, Paris, Berlin und Zermatt. Für viele Menschen ein Traum, die europäische Kunst, Kultur und Natur auf diesem Weg kennenzulernen. Europäer*innen schmunzeln über solche Reisende im besten Fall oder mokieren sich im schlimmsten Fall.

Europäer*innen reisen im Gegenzug in 14 Tagen nach Rio de Janeiro, Buenos Aires, Cuzco, Machu Picchu und in den Regenwald sowie zu den Iguazú Wasserfällen.

Was denkt sich im Gegenzug die südamerikanische Bevölkerung von unserem Reiseverhalten?

 

Reisen fördert, bildet und verbindet und Alexander von Humboldt sagte bereits:

„Die gefährlichste Weltanschauung ist die Weltanschauung derer,

die die Welt nie angeschaut haben.“

 

Aber komplexe kulturelle Zusammenhänge zu verstehen und zu wissen, wie man mit ihnen umgeht, braucht Zeit. Zeit, die man um kein Geld der Welt kaufen kann.

IMG_0584.HEIC

Ein Zukunftsszenario:

Entdecke Südamerika und Europa in drei Monaten!

Reisebüros der Zukunft vermitteln 2040 u.a. Langzeitaufenthalte á la Häusertausch. Eine argentinische Familie zieht in das Eigenheim einer österreichischen Familie ein und vice versa. Dabei lernen sich diese Familien mehrere Monate im Vorfeld virtuell kennen und wertschätzen. Drei Monate hat die Familie Zeit, sich mit der Umgebung vertraut zu machen und das Land in kleinen Happen intensiv wahrzunehmen.

 

Außerdem machen sich nicht nur Abenteurer*innen auf der ganzen Welt auf, um zu erleben, wie Humboldt, Cook und Pfeiffer rund um die Welt „terran“ gereist sind.

Wie hat es sich angefühlt, auf einem Segelschiff den Ozean zu überqueren und zu spüren, wie es Richtung Karibik von Tag zu Tag wärmer wird? Wie erging es Marco Polo auf der Seidenstraße? 2040 ist es wieder „in“, auf den Spuren großer Entdecker zu reisen.

 

Da diese Auszeit gesetzlich verankert ist, muss niemand um seinen Job fürchten. Fernreisen werden als kostbares Gut umso mehr wertgeschätzt, Flüge werden signifikant reduziert. Erlebnisse, über die Reisende sonst hinweggeflogen wären, möchten sie im Jahre 2040 nicht mehr missen.

 

 

Was wäre, wenn Länder im globalen Süden nicht mehr auf Reisende aus dem globalen Norden angewiesen sind?

 

Gegenwart:

Viele Destinationen weltweit sind ausschließlich auf zahlungsfreudige Tourist*innen aus dem globalen Norden angewiesen. Die Pandemie hat gezeigt, welche verheerenden Wirkungen es gibt, wenn die lokale Bevölkerung als Reisezielgruppe nicht miteinbezogen wird.

Ein Beispiel: Hotelinhaber*innen die nur auf ausländische Gäste gesetzt hatten, verloren von einem auf den anderen Tag ihre Existenzgrundlage.

IMG_0434 (2).jpg

Zukunftsszenario:

Armut und globale Ungleichheiten sind im Jahr 2040 so gut wie Geschichte. Eine Mittelschicht hat sich weltweit etabliert und Millionen Jobs zur Förderung des Klimaschutzes wurden geschaffen. Menschen haben sich beruflich, so wie damals die Kutscher, als das Auto erfunden wurde, umorientiert und statt „grünem Wachstum“ setzte sich „grünes Schrumpfen“ durch.

Länder im globalen Süden sind nicht mehr auf finanzstarke Reisende aus dem globalen Norden angewiesen, da die Bevölkerung vor Ort genug erwirtschaftet, um die Schönheit des eigenen Kontinents zu entdecken.

 

 

Was wäre, wenn vom All-Inclusive Kuchen alle profitieren und nicht nur einige wenige?

 

Gegenwart:

Große Hotelanlagen sind oft in der Hand von internationalen Investoren oder je nach Destination auch in der Hand von Regierungen, die Menschenrechte mit Füßen treten.

Ob eine indigene Community das Land davor besaß und durch den Bau des Hotels vertrieben wurde, will man gar nicht so genau wissen (siehe Artikel: Hotelanlagen an Traumküsten – was war davor).

Die Einrichtung, das Management und das Essen sind so international wie die Gäste. Der Wasserverbrauch im Hotel übersteigt alle Grenzen im Vergleich zur lokalen Bevölkerung und Reisende verlassen das geschützte Umfeld während des Urlaubes oft kein einziges Mal, sodass das Geschäft oder das Restaurant ums Eck keinen Umsatz mit den Gästen generiert. 

2019_05_05_2655 (3).JPG

Zukunftsszenario:

2040 ist das Konzept „All-Inclusive“ fairer aufgestellt.

Billige Pauschalangebote und Schnäppchen, die auf Kosten anderer angeboten werden, sind so gut wie nicht mehr anzutreffen.

Durch eine gut fundierte Tourismusausbildung leiten Menschen aus den eigenen Reihen Hotels und die Gemeinwohlökonomie ist nicht nur auf Profitmaximierung ausgerichtet.

 

Die vorhandene und regionale Wirtschaft wird bei „All-Inclusive NEU“ miteingebunden. Urlauber*innen konsumieren ortsübliche Köstlichkeiten bei ansässigen Restaurants, die einen fairen Vertrag mit dem Hotel haben.

 

Das Angebot im Resort besteht aus naturnahen und umweltfreundlichen Aktivitäten, die von der lokalen Bevölkerung angeleitet werden. Gäste haben eine Auswahl an Kursen, wie zum Beispiel Koch- oder Achtsamkeitskurse oder sie informieren sich über Land und Leute.

Eine qualitativ hochwertige Kinderbetreuung mit qualifiziertem Fachpersonal und einem Kinderschutzkonzept ist „State of the Art“.

 

Es versteht sich von selbst, dass die Gebäude technologisch up-to-date sind sowie ein gut funktionierendes Abfall- und Abwassersystem besitzen. Mitarbeiter*innen werden von allen Seiten wertschätzend behandelt und es stehen interessante Weiterbildungsmöglichkeiten zur Verfügung.

 

Was wäre, wenn Menschen den Wohlstand statt am Konsum an ihrer inneren Zufriedenheit messen?

 

Gegenwart:

Frau A fliegt auf die Malediven, Herr B urlaubt im fernen Indonesien und drei Wochen später läuft er beim New York Marathon mit und Familie C verbringt ihre Ferien am Neusiedler See.

Bei einem gemeinsamen Fest treffen sich Frau A, Herr B und Familie C und erzählen sich, wie schön türkis das Meer war, wie viele Fotos von indonesischen Tempeln geknipst wurden und was es für ein unbeschreiblich schönes Gefühl war, über den Times Square zu joggen. Die Zeit ist mal wieder viel zu schnell vergangen und der Alltag hat alle wieder fest im Griff.

Vergessen wurde der Jetlag, der Durchfall am dritten Tag, die Erkenntnis, dass die Korallen beim letzten Besuch noch farbenprächtiger waren, und die Namen der einzelnen Tempeln verblassen auch.

Familie C beneidet insgeheim Frau A und Herrn B. Sie waren ja nur am Neusiedler See und haben dort ihre Seele baumeln lassen, den Gaumen mit vollwertigen Köstlichkeiten und hervorragenden Weinen verwöhnt, bei einer Kajaktour Vögel im Schilf beobachtet und Segelversuche unternommen.

2018_07_10_1182.JPG

Zukunftsszenario:

Reisen ist ein Konsumgut, das Erholung und Erlebnisse verspricht. Wird dieses seltener und dafür bewusster erlebt, steigert es die Lebensqualität. Dieses Motto wird 2040 im Tourismus gelebt.

Das Statussymbol Fernreise ist passé und Menschen schätzen ihre Naherholungsgebiete und sind wieder in der Lage, Kraft in der Natur zu tanken, anstatt sich in Konsumtempeln künstlich aufzuputschen und zu stimulieren.

Die Bevölkerung sucht sich mehrheitlich das Reiseziel nicht nach Destinationen aus, die gerade en vogue sind, sondern nach den eigenen Bedürfnissen.

Reiseveranstalter schnüren Pakete, um die Fremde in der eigenen Stadt besser wahrzunehmen, und haben für alle menschlichen Bedürfnisse Alternativen ausgearbeitet, die erlebt werden können, ohne dabei um den halben Globus zu fliegen.

Männer und Frauen streben nach einer sinnstiftenden Tätigkeit und verbringen u.a. ein soziales Jahr im Ausland.

 

***

 

Ob mein Wunschdenken für 2040 real wird, steht in den Sternen.

Ein mutmachendes Zitat der Philosophin Susan Griffin lautet:

„Niemand kann uns davon abhalten, dass wir uns eine andere

Zukunft vorstellen, eine Zukunft, die sich von der schrecklichen

Katastrophe gewaltsamer Konflikte, hasserfüllter Spaltungen,

Armut und Leid entfernt.“

 

Wie malen Sie sich die Welt 2040 aus?

Schreiben Sie mir! Ich freue mich auf neue und andere Sichtweisen.